Drei Neuntklässlerinnen setzen Puzzleteile zu einem Gletscher zusammen. Ein paar Jungen stehen vor einer Metallinstallation und kurbeln Kugeln in die Höhe. Eine weitere Gruppe Jugendlicher diskutiert, ob es sich bei einer Moräne um einen Fisch handelt oder um vom Gletscher transportiertes Gesteinsmaterial. Die Oberstufenklasse aus Büren an der Aare ist auf einem Quiz-Parcours in der Ausstellung des World Nature Forums unterwegs.
Das Besucherzentrum des UNESCO-Welterbes Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch wurde vor zehn Jahren in einem modernen Bau in Naters bei Brig im Wallis eröffnet. Die Jugendlichen suchen in Zweier- und Dreiergruppen die verschiedenen Posten, lesen Informationstafeln und beantworten Fragen zu Alpenpflanzen, Naturgefahren, zu Quellen oder Permafrost. Aus den Buchstaben bei den richtigen Antworten ergeben sich drei Lösungswörter. Der interaktive Quiz-Parcours gehört zum Bildungsangebot, das das World Nature Forum für Schulen entwickelt hat (siehe Infobox).
Einzigartig, vielfältig, inspirierend
Was bedeutet UNESCO-Welterbe? Welche anderen Weltkulturerbe- und Weltnaturerbe-Stätten gibt es? Diese Fragen stellte die Biologin Myriam Roidt der Klasse eine halbe Stunde zuvor. Anhand eines grossen Reliefs zeigte sie den 25 Schüler:innen das Welterbe Jungfrau-Aletsch. Dabei nannte sie drei Begriffe, die beschreiben, warum das Gebiet seit 2001 zum UNESCO-Welterbe gehört.
Erstens «einzigartig»: Das ist das Gebiet unter anderem, weil der Aletschgletscher der längste und grösste Gletscher der Alpen ist – auch wenn er sich seit der Erstellung des Reliefs vor über 100 Jahren verkleinert hat.
Zweitens «vielfältig»: Es finden sich hier ganz unterschiedliche Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Während es im Berner Oberland eher kühl und feucht ist, fühlen sich an der Lötschberg-Südrampe wegen der Hitze und Trockenheit sogar Smaragdeidechsen wohl.
Drittens «inspirierend»: «Die Region hat viele Künstlerinnen und Künstler angezogen, zum Beispiel J. R. R. Tolkien – den kennt ihr vermutlich?» Allgemeines Nicken folgt auf die Frage von Myriam Roidt, der Autor von «Der Herr der Ringe» ist den Jugendlichen ein Begriff.
Beliebt: Rekorde und Spielerisches
Zurück zum Parcours. Bruna steht vor einem ausgehöhlten Baumstamm, der an der Wand angebracht ist, einer sogenannten Suone. Über solche Kanäle wurde im Wallis während Jahrhunderten das Wasser vom Gletscher bis zu den landwirtschaftlich genutzten Hängen geleitet. Was hat die Neuntklässlerin in der Ausstellung bisher am meisten überrascht? «Dass im Aletschgletscher Gletscherflöhe leben können.» Die hier behandelten Themen hätten sie vorher «so mittel» interessiert, sagt sie. «Ich wäre von mir aus wohl nie hierhergekommen, aber jetzt finde ich es schon spannend.»
Auch ihr Mitschüler Dean hat Neues erfahren. «Ich wusste nicht, dass die Alpen einen Millimeter pro Jahr wachsen», sagt er. Auch die Geschichte zu «Albino» gefällt ihm. Er deutet auf einen ausgestellten Ziegenschädel. Der Ziegenbock namens Albino erzielte zweimal den Weltrekord mit seiner Hornspannweite. Lukas nennt als seine Highlights auf dem Parcours den historischen Wagen der Jungfraubahn und den Sandkasten, auf den man es virtuell regnen lassen kann.
Naturschätze der Alpen schützen
Inzwischen haben alle Gruppen die Lösungswörter des Quiz herausgefunden. Der Besuch geht im Kinosaal weiter. Auf einer Panoramaleinwand sind musikhinterlegte Aufnahmen aus dem Welterbe-Gebiet zu sehen: der Oeschinensee, der Oberaargletscher, die Gletscherschlucht Rosenlaui. Menschen am Biken, am Wandern, am Klettern, am Gleitschirm fliegen. Licht- und Schattenspiel, Wolkenmeer und Berge aus allen Perspektiven.
Während in der Ausstellung Wissensvermittlung – verknüpft mit spielerischen Elementen – im Vordergrund steht, geht es im Kino darum, eine emotionale Verbindung zur hochalpinen Bergwelt zu schaffen. «Die Naturschätze unserer Alpen zu schätzen, heisst, sie zu schützen» steht auf der Website des World Nature Forums. Diesen Gedanken greift Myriam Roidt in der Nachbesprechung des Quiz-Parcours auf. Nachhaltigkeit und die Veränderungen durch den Klimawandel zu thematisieren, ist ihr wichtig: «In den Alpen sind wir besonders stark von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen.»
Die Gletscher schmelzen – «für einen Zentimeter Gletschereis bräuchte es einen Meter Neuschnee» –, Naturgefahren wie Steinschlag und Starkniederschläge nehmen zu. Die Biologin fragt in die Runde, was jede:r selbst beitragen kann, um das Klima zu schonen. «Duschen statt baden», «Solarpanels installieren» oder «für einen lebendigen Garten sorgen», antworten die Jugendlichen sofort. Zuhören, beobachten, lesen, Fragen beantworten, mitdenken: Der Energiepegel bei den Schüler:innen ist mittlerweile etwas gesunken. Aber nicht für lange: Sie dürfen zum Schluss die verschiedenen originellen Kugelbahn-Stationen in der Ausstellung ausprobieren. «Faszinierend!», ruft ein Schüler, als seine Kugel per Luftstrom in einer Röhre mehrere Meter nach oben bewegt wird. Die Energie ist zurück. Gutgelaunt verabschiedet sich die Klasse nach zwei Stunden Welterbe-Erlebnis.
Bildungsangebote für Schulen
Die Stiftung UNESCO-Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch hat sich zum Ziel gesetzt, Schüler:innen für die Besonderheiten der Landschaft, Natur und Kultur der Alpen zu sensibilisieren. Sie hat verschiedene Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen (Zyklus 1 bis 3, Sek II) entwickelt: Neben dem Quiz-Parcours im Besucherzentrum World Nature Forum gehören auch geführte Exkursionen ins Weltnaturerbe, Tageswanderungen oder eine Gletschertour dazu. Das Schulangebot orientiert sich am Lehrplan 21 und dem Konzept der Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung (BNE).