Wenn dieses Jahr am 6. Dezember nach dem Eindunkeln das Kerzenmeer wieder auf dem Bundesplatz in Bern leuchtet, begannen die Vorbereitungen dafür im Caritas-Haus im luzernischen Littau bereits im Januar: Die Windlichter vom letzten Mal reinigen, mit neuen Kerzen bestücken, die Schachteln einlagern, Gläser und Kerzen nachbestellen, alles lieferbereit machen. Im September dann schreibt Caritas die örtlichen Partner:innen an, stellt die Bestellungen zusammen und liefert aus. 30000 bis 40000 Kerzen sind es allemal.
«Eine Million Sterne» sei «ein umfangreiches Projekt», sagt Rainer Bossard, der bei Caritas Zentralschweiz für die Aktion zuständig ist. In die organisatorische Verantwortung nimmt er jeweils Praktikant:innen, Attestlernende und Zivildienstleistende. Seine Bilanz: Etwa 120 Stunden Aufwand allein in der Logistik und «super Learnings» für die Beteiligten. Reto Stalder pflichtet bei: Er spricht von einer «logistischen Grosstat» und meint damit aber nicht nur die Vorbereitung von «Eine Million Sterne», sondern auch den Anlass selbst.
Stalder, Leiter des Caritas-Brockis in Emmenbrücke, hilft seit 2022 mit, die Kerzen vor der Hofkirche in Luzern aufzustellen. Diesen Standort bespielt Caritas Zentralschweiz selbst.
Bundeshaus hat grosse Symbolkraft
National bekannt ist die Aktion auf dem Bundesplatz in Bern. Dafür zuständig ist Santino Gattiker von Caritas Bern. Zwischen 15 und 20 Personen benötigt es, um die über tausend Kerzen in einem grossen Rechteck aufzustellen. «Wir brauchen rund dreieinhalb Stunden, bis die Kerzen und das Zelt mit den Info- und Verpflegungsständen aufgestellt sind», erklärt Gattiker. Dabei würden Mitarbeitende und Freiwillige von Caritas mithelfen. Auch über «benevol» kämen Freiwillige dazu.
Am Abend des 6. Dezember wird ein Teil der Kerzen direkt angezündet, bei anderen geschieht dies durch Passant:innen. «Der Bundesplatz mit den Steinplatten ist ideal», sagt Gattiker, «und das Bundeshaus im Hintergrund hat eine grosse Symbolkraft.» Seit Jahren findet die Aktion hier statt. Die meisten Passant:innen stiessen zufällig auf das Kerzenmeer und informierten sich an den Ständen, wer hinter der Aktion stecke. «Viele bleiben stehen. Man bewegt die Menschen dazu, sich zu informieren.»
Genau dies ist das Ziel der Aktion: Ins Bewusstsein zu rufen, dass es in der Schweiz Menschen gibt, die in Armut leben. Das Anzünden einer Kerze ist kostenlos. An den Infoständen finden sich QR-Codes für Spenden.
Das Konsumfieber senken
Für Reto Stalder von Caritas Zentralschweiz ist «Eine Million Sterne» inzwischen ein Fixpunkt im Advent. «Das Kerzenmeer senkt die Temperatur der fiebrigen Vorweihnachtszeit», findet er. Mitten in der stressigen Vorweihnachtszeit rückt die Aktion für Stalder ins Zentrum, was Weihnachten bedeutet: «Es geht um die Würde aller Menschen.» Bei «Eine Million Sterne» erlebe er dies auf sinnliche Weise, sagt Stalder. «Es steht nicht der Konsum im Zentrum, sondern Mitgefühl und Solidarität.»
Christine Gerstner hakt hier ein. Sie leitet den Bereich Kommunikation im Caritas-Netzwerk Schweiz und ist national für «Eine Million Sterne» verantwortlich. Wichtiger als Spenden zu sammeln, sei, auf das Thema Armut aufmerksam zu machen. In der Zentralschweiz kommen jeweils um die 30000 Franken zusammen; gesamtschweizerisch ist der Aufwand laut Gerstner höher als das Spendenergebnis. Auch in Bern rentiert die Aktion isoliert betrachtet nicht, hier werden im Schnitt rund 5000 bis 10000 Franken eingenommen.
Sich verzaubern lassen
«Das Kerzenmeer lässt niemanden kalt», sagt Stalder. «Kinder, Erwachsene, ältere Menschen, sie alle sind berührt.» Er erzählt von einem etwa 50-jährigen Mann, der zufällig vorbeigekommen sei und erzählte, er habe ein finanziell gutes Jahr gehabt. Die Aktion mache ihn nachdenklich. «Es war ihm deshalb ein Anliegen, selbst eine Kerze zwischen die anderen zu stellen und für Armutsbetroffene in der Region zu spenden.» Gerstner hat solche Erfahrungen auch schon gemacht.
«Eine Million Sterne» ziehe überhaupt «alle» an: Tourist:innen, welche die Lichter fotografierten, die jährlich Wiederkehrenden, die sich von der Stimmung verzaubern liessen und bei einem Glas Punsch verweilten – aber auch «jene Unbelehrbaren, die der Caritas erklären, dass es in der reichen Schweiz keine Armut gibt». Umso mehr freut sie sich über jene, die wissen wollen, was Caritas für Armutsbetroffene mache. Weil Wissen das Bewusstsein schärfe und eine Voraussetzung für Solidarität sei: «Diese wirkt hoffentlich auch, nachdem die Kerzen erloschen sind.»
* Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Kantonalen Pfarreiblatt Luzern.
In Bern leuchtet’s am 6. Dezember
«Eine Million Sterne» ist eine Aktion des internationalen Caritas-Netzwerks jeweils im Advent. Caritas will damit ein Zeichen der Verbundenheit mit Menschen setzen, die von Armut betroffen sind. Örtliche Veranstaltende, oft Pfarreien, verwandeln bei der Aktion öffentliche Plätze in strahlende Lichtermeere, in der Schweiz an rund 100 Orten. Damit ist eine Spendenaktion verbunden. Haupttag von «Eine Million Sterne» ist dieses Jahr der 13.Dezember. In Bern brennen die Kerzen auf dem Bundesplatz schon am 6. Dezember, von 16.00 bis 20.00. Die Aktion gibt es seit 1991, in der Schweiz seit 2005.