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Zwischen Erlösung und Verzerrung: Der Mensch im Bann der Künstlichen Intelligenz. Foto: Unsplash

Das Heilsnarrativ der Technologie

Im globalen Zentrum der KI-Entwicklung ist rund um die Technologie der «künstlichen Intelligenz» ein Bündel quasi-religiöser Weltanschauungen entstanden. Warum diese alles andere als heilig sind.


TESCREAL klingt sperrig. Aber der Begriff macht sichtbar, dass sich im Umfeld des Silicon Valley, dem globalen Zentrum der KI-Entwicklung, verschiedene Strömungen überlagern, die trotz aller Unterschiede eine gemeinsame Grundlage haben: Technikbegeisterung, Elitendenken, Zukunftsrausch und die Neigung, politische Konflikte in technische Probleme umzudeuten. 

TESCREAL steht für Transhumanismus, Extropianismus, Singularitarismus, Kosmismus, Rationalismus, Effektiven Altruismus und Longtermismus. Eingeführt wurde der Begriff von der KI-Ethikerin Timnit Gebru und dem Philosophen Émile P. Torres.  

TESCREAL ist keine starre Lehre mit festem Inhalt, sondern der Versuch, ein ideologisches Milieu kritisch zu beschreiben. Ein Milieu, das zunehmend Einfluss auf öffentliche Debatten, Investitionen und politische Prioritäten nimmt. Eine Anschauung, die längst in Politik, Wirtschaft und Kultur hineinwirkt: eine Denkweise, in der Technologie nicht nur Probleme lösen, sondern die Menschheit erlösen soll.

In dieser Vorstellungswelt erscheint die Künstliche Intelligenz (KI) nicht bloss als nützliches Werkzeug, sondern zugleich als letzte Rettung und letzte Gefahr. Der Mensch spielt darin nur noch eine Nebenrolle. Er gilt als optimierbar, das Leben als skalierbar und planbar, die Zukunft als etwas, das sich berechnen und steuern lässt – am besten durch KI. 

Die Probleme der Gegenwart als Rechenaufgabe 

Im Kern geht es um eine radikale Aufwertung der Zukunft. Im Longtermismus zählt moralisch nicht nur, wie Menschen heute leben, sondern vor allem, wie viele Menschen in einer sehr fernen Zukunft einmal existieren könnten. Unter dieser Perspektive erscheint es plötzlich vernünftig, Gegenwartsprobleme wie Armut, Krieg, Ausbeutung oder Klimakrise zurückzustellen, um hypothetische Katastrophen von morgen zu verhindern.

Doch wer den Blick fast nur noch auf ferne Risiken richtet, verliert leicht die Gegenwart aus dem Blick. Dann lautet die erste Frage nicht mehr: Was schulden wir den Menschen, die heute verletzt, bedroht oder ausgeschlossen sind? Sondern: Wie sichern wir das Überleben einer fernen Zivilisation, die es vielleicht einmal geben wird? 
 


Hinzu kommt der religiöse Ton vieler Zukunftserzählungen. In diesem Denken ist KI nicht einfach ein Werkzeug, sondern eine Instanz, der beinahe göttliche Fähigkeiten zugeschrieben werden. Sie soll Krankheiten besiegen, Knappheit überwinden, den Tod hinausschieben, Konflikte lösen und vielleicht sogar eine höhere Form von Bewusstsein hervorbringen. Technik wird so zum Träger von Heilsversprechen. 

Wo früher Religionen vom neuen Menschen oder vom kommenden Heil sprachen, spricht das Tech-Milieu von Superintelligenz, Marskolonien und der nächsten Evolutionsstufe. Das Vokabular ist modern, die Struktur der Hoffnung jedoch erstaunlich alt: Erlösung durch eine überlegene Macht. 

Demokratie als lästige Verzögerung 

 Vielleicht markiert TESCREAL genau den Punkt, an dem Technikdebatten in Erlösungsdebatten kippen. Denn wer verspricht, die Menschheit zu retten, erhebt damit fast zwangsläufig auch einen moralischen Führungsanspruch. Und wer zugleich über Kapital, Daten, Plattformen und Infrastrukturen verfügt, besitzt die Mittel, diesen Anspruch wirksam werden zu lassen. Das erklärt, weshalb sich diese Weltsicht so oft mit Unternehmerkult, Libertarismus und Misstrauen gegenüber demokratischer Regulierung verbindet. 
 

Der unkritische Einsatz von KI birgt die Gefahr, dass der Mensch ein Zerrbild von sich selbst entwickelt.


Wo politische Aushandlung als Bremsklotz erscheint, gilt technische Beschleunigung schnell als höhere Vernunft. Demokratie wirkt dann nicht mehr als Voraussetzung legitimer Entscheidungen, sondern als lästige Verzögerung. 

Auffällig ist auch das Menschenbild, das in Teilen dieses Milieus vorherrscht: Vernunft wird mit Rechenfähigkeit verwechselt, Moral mit Optimierung, Freiheit mit technologischer Machbarkeit. Was zählt, ist Effizienz; was stört, ist Begrenzung. Körperliche Verletzlichkeit, soziale Abhängigkeit, Alter, Krankheit und Endlichkeit erscheinen nicht mehr als Grundbedingungen des Menschseins, sondern als technische Defekte. 

Der Mensch soll verbessert, erweitert, notfalls überwunden werden. Darin liegt nicht nur ein Fortschrittsversprechen, sondern auch eine stille Geringschätzung des Unverfügbaren – jener Erfahrungen also, die menschliches Leben gerade ausmachen. 
 


Maschinen als Träger von Heilsfantasien 

Gerade deshalb lohnt sich ein Blick hinter die Fassade der Technikbegeisterung. Denn die grossen Versprechen kaschieren oft eine schlichte Annahme: dass sich die schwierigsten Fragen des Zusammenlebens mit genügend Daten, Rechenleistung und technischer Innovation lösen liessen. 

Gesellschaften scheitern jedoch nicht an mangelnder Rechenkapazität. Sie scheitern an Machtmissbrauch, Ungleichheit, Gewalt, an fehlender Solidarität und an der Weigerung, Verantwortung zu übernehmen. Technik kann dabei helfen, Probleme zu lindern oder Prozesse zu verbessern. Aber sie ersetzt weder Politik noch Moral, weder demokratische Kontrolle noch menschliches Urteilsvermögen. 

Zudem blendet das Heilsnarrativ der Technologie häufig aus, dass technische Systeme nie neutral sind. Auch sie entstehen in Machtverhältnissen, folgen ökonomischen Interessen und verteilen Chancen wie Risiken ungleich. Wer KI zur Instanz über die Zukunft erhebt, unterschätzt deshalb nicht nur die Komplexität sozialer Konflikte, sondern auch die materiellen Folgen dieser Technologien: Ressourcenverbrauch, Überwachung, Konzentration von Macht und die Abhängigkeit ganzer Gesellschaften von wenigen privaten Akteuren. 

Der Begriff TESCREAL kann trotz aller Ungenauigkeit helfen, eine Ideologie der technischen Erlösung sichtbar zu machen, die heute bemerkenswert wirkmächtig ist und ihre Hoffnungen gern als reine Vernunft ausgibt. Er benennt die Versuchung, politische und ethische Fragen an Maschinen zu delegieren und das Menschliche selbst als überholtes Zwischenstadium zu betrachten. 

Wo Maschinen zu Trägern von Heilsfantasien werden, steht am Ende nicht nur die Zukunft der KI zur Debatte, sondern eine sehr alte Frage: worauf Menschen ihr Vertrauen setzen. Vielleicht sogar: woran sie glauben.