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Jehoschua Ahrens ist seit 2023 unter anderem Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern. Foto: Christoph Knoch

«Das Christentum gilt bei den Rabbinern als gottgewollt»

Mit seinem neuen Buch präsentiert Jehoschua Ahrens die erste Aufarbeitung rabbinischer Stimmen zum Christentum von der Antike bis heute. Ein Gespräch über die Haltung der jüdischen Orthodoxie zum interreligiösen Dialog und darüber, was wir aus der Geschichte lernen können.

Interview: Hannah Einhaus

«pfarrblatt»: Die Rabbiner Maimonides (1138–1204) und Jehuda ha-Levi (1075–1141) ordnen das Christentum als «Vorbereiter der messianischen Zeit» ein. Wie erklären Sie diese Haltung, damit sie nicht als blosse Instrumentalisierung des Christentums missverstanden wird? 

Jehoschua Ahrens: Das Christentum spielt bei Maimonides oder ha-Levi eine zentrale Rolle im Plan Gottes und bei der Erlösung der Menschheit. Das heisst, das Christentum ist offensichtlich gottgewollt und hat eine theologische Dimension. Es wird nicht einfach instrumentalisiert. Zugleich sind Judentum und Christentum fest miteinander verbunden, Geschwisterreligionen sozusagen. Es stimmt allerdings, dass diese Position inklusivistisch ist – auch als Reaktion auf die christliche Polemik gegen das Judentum, wonach dieses nur Vorbereitung gewesen sei und das Christentum Erfüllung. 

In Ihrem Buch widerlegen Sie die Annahme, nur liberale Jüdinnen und Juden seien dialogbereit, während die Orthodoxie den christlich-jüdischen Dialog für «sinnlos, gefährlich und überflüssig» halte. Warum hält sich dieses Vorurteil so hartnäckig? 

Ahrens: Das hat mehrere Gründe. Im deutschsprachigen Raum sind viele jüdische Quellen, vor allem die rabbinischen, gar nicht bekannt. In der Vergangenheit wurden meist jüdische Religionsphilosoph:innen und andere Akademiker:innen gehört. Deren Beitrag ist wichtig, sie sind aber nicht prägend für die religiöse Position im Judentum. Ausserdem rezipierte die wissenschaftliche Judaistik eher liberale Stimmen. Und orthodoxe Rabbiner sind neben der Gemeindearbeit oft lokal in der Dialogarbeit aktiv, während liberale Rabbiner auch auf Bundesebene auftreten und die Dialogarbeit ein wichtiger Teil ihrer Erwerbsarbeit ist.
 


Ein zentraler Begriff Ihrer Arbeit ist «Awoda Sara», meist übersetzt mit «Götzendienst». Sie messen diesen nicht an der Zahl der Götter, sondern an der ethisch-moralischen Grundhaltung einer Religion. Was heisst das für die jüdische Bewertung des Christentums? 

Ahrens: Awoda Sara ist ein komplexer Terminus, denn nicht immer bedeutet er Götzendienst; bei verschiedenen Rabbiner:innen ist aus dem Kontext ersichtlich, dass die Übersetzung «Fremder Dienst» treffender ist. Für das Christentum bedeutet dies, dass die Christologie oder die Trinitätslehre nicht zwangsläufig ein Hindernis sein müssen, um im Judentum als anerkannte Religion zu gelten. Es geht um die Werte aus der Bibel und entsprechendes Handeln, nicht um die Frage des Gottesverständnisses – die bleibt unterschiedlich. 

Ihr Buch erzählt auch von Enttäuschungen – etwa als nach 1945 Schweizer Rabbiner wie Zwi Chaim Taubes auf ein Umdenken der Kirchen hofften und wenig geschah. Was können wir heute von diesen Erfahrungen lernen? 

Ahrens: Taubes war ein Pionier und Visionär des Dialogs nicht nur zwischen Juden, Jüdinnen und Christ:innen, sondern auch mit Muslim:innen. Seine Hoffnung einer Partnerschaft zwischen den «positiven Offenbarungsreligionen» und ihrem gemeinsamen Einsatz gegen Totalitarismus und Hass hat an Aktualität nichts eingebüsst – ganz im Gegenteil, Taubes war seiner Zeit weit voraus. Von dieser Vision einer Partnerschaft der Religionen und des gemeinsamen Einsatzes gegen Hass können wir auch heute noch lernen. 

Sie schreiben, die Irritationen über die Haltung des Vatikans zum 7. Oktober 2023 und zum Gaza-Krieg könnten den Dialog «nicht grundlegend negativ beeinflussen oder gar abbrechen». Woher nehmen Sie diese Zuversicht? 

Ahrens: Insbesondere in den letzten 20 Jahren wurde der Dialog trotz aller Herausforderungen enorm gestärkt. Die katholische Position zum Judentum ist in der offiziellen Lehre und in vielen Dokumenten verankert, es gibt Hauptamtliche in vielen Ländern und Regionen, die für den Dialog mit dem Judentum zuständig sind, und ich habe den Eindruck, der neue Papst möchte auch Kontinuität in dieser Frage. 
 


Über hundert Seiten Ihres Buchs sind einer Quellensammlung gewidmet, vieles liegt erstmals auf Deutsch vor. Hat Sie ein Text besonders überrascht oder bewegt? 

Ahrens: Es gibt viele sehr spannende und wichtige Texte. Besonders beeindruckt hat mich ein Essay mit dem Titel «Das Gemeinsame in Judentum, Christentum und Islam», basierend auf einem Vortrag, den der bereits erwähnte Rabbiner Taubes 1940 in Zürich hielt. Es ist ein zentrales Dokument des Dialogs in  der Schweiz und darüber hinaus. Schade, dass weder Rabbiner Taubes noch seine eindrücklichen Werke in der Schweiz bekannt sind. Ihm bleibt bis heute die Würdigung seiner Leistungen als vielleicht wichtigster Wegbereiter des institutionellen jüdisch-christlichen Dialogs verwehrt. Ein echtes Desiderat. 

Sie gehören zu einer kleinen Gruppe von Rabbinern, die direkten Kontakt zum Vatikan pflegen, und wurden von drei Päpsten persönlich empfangen. Wie fliesst diese gelebte Erfahrung in Ihr Buch ein, das primär historisch-theologisch argumentiert? 

Ahrens: Dialog ist immer auch persönliche Begegnung. Bei den Papstbesuchen geht es nicht nur um den Austausch mit dem Papst selbst, sondern auch mit anderen wichtigen Partner:innen auf katholischer Seite im Vatikan. Dadurch entsteht Vertrauen und Kontinuität, was insbesondere bei Krisen wichtig und hilfreich ist.