«pfarrblatt»: «Frieden im Nahen Osten» lautet der Titel Ihres Vortrags*. Gauben Sie in der aktuellen Situation noch daran?
Christian Rutishauser: Ja, ich glaube an Frieden. Frieden heisst, dass die Waffen schweigen, und ich hoffe, dass sie dies bald tun. Frieden heisst danach Aufbauarbeit unter Palästinenser:innen, unter Israelis, im Libanon, im Iran. Und schliesslich eine allmählicheÖffnung dafür, wieder aufeinander zuzugehen. Ich möchte nicht von Versöhnung sprechen, aber ganz pragmatisch wieder beginnen, miteinander zu leben.
Dazu wäre es nötig, dass «Juden, Christen, Muslime, Israelis, Palästinenser, Araber, Brücken bauen!», so der Untertitel Ihres Vortrags. Ist das in der aktuellen Gewalteskalation nicht etwas naiv?
Christian Rutishauser: Trotzdem ist es die einzige Lösung. Man könnte noch andere Gruppen nennen. Es ist nicht einfach ein Konflikt zwischen Palästinenser:innen und Israelis oder zwischen Juden, Jüdinnen und Muslim:innen, auch nicht nur zwischen Iran und Israel, sondern es gibt ganz viele Koalitionen: Es gibt Konflikte zwischen Extremist:innen auf jüdischer und auf muslimischer Seite, zwischen religiösen und säkularen Israelis, zwischen der PLO und der Hamas, zwischen arabischen Gruppen und Staaten und der palästinensischen Bevölkerung. Mir ist es wichtig, dass wir die Klischees aufbrechen und uns fragen: Wer kämpft eigentlich gegen wem? Und wer geht Koalitionen ein mit wem? Wenn man so schaut, entsteht ein neuer Blick.
Welche Rolle spielt Religion in diesem Konflikt?
Christian Rutishauser: Die Religionsgemeinschaften haben eine ganz wichtige Funktion, weil sie den Menschen Sinn und Motivation auch im Leid vermitteln. Interreligiöser Dialog geht zudem über die eigene Glaubensgemeinschaft hinaus und ist fähig, eine Brücke zu schlagen. Mein grosser Appell an die Verantwortlichen in den Religionsgemeinschaften ist: Dies ist ihre Stunde. Interreligiöser Dialog ist ein Auftrag. Interreligiöser Dialog ist die Aussenpolitik der Religionsgemeinschaft. Und Aussenpolitik der Religionsgemeinschaft bedeutet verhandeln, Brücken bauen, Diplomatie. Das ist die Aufgabe der Religionsverantwortlichen.
Kommt den Christ:innen in diesem interreligiösen Dialog eine besondere Rolle zu?
Christian Rutishauser: Verschiedene Leute vor Ort sagen mir, Kardinal Pizzaballa, Patriarch von Jerusalem, sei einer der wenigen, der versucht, auf andere Religionsverantwortliche und Autoritäten zuzugehen. Auch die lutherische Kirche hat hier eine grosse Bedeutung. Die klassischen christlichen Bildungsinstitutionen wie die Bethlehem-Universität und andere christliche Schulen befähigen ihre Leute, nicht nur um sich selbst zu kreisen.
Der Vatikan unterscheidet in Israel-Palästina zwischen der interreligiösen und der politischen Frage. Weshalb?
Christian Rutishauser: Im Westen und auch im Vatikan gelten Politik, Wirtschaft oder Religion als je eigene Bereiche. Man kann in der Politik nicht nur religiös argumentieren. Die Unterscheidung erlaubt es dem Vatikan, als Staat diplomatische Beziehungen aufnehmen, ohne dass er dem Staat Israel oder den Palästinenser:innen eine religiöse Bedeutung zumisst. Sie ermöglicht also, auf der einen Ebene diplomatisch zu arbeiten, zu vermitteln, wenn es auf der Ebene der Religion nicht möglich ist und umgekehrt. Der Vatikan arbeitet auf beiden Ebenen.
Welche Rolle spielt der Vatikan denn aktuell im Nahost-Konflikt?
Christian Rutishauser: Unter Papst Franziskus war die Situation schwierig. Franziskus sagte zwar, er nehme «Äquidistanz» ein, also gleiche Nähe und Distanz zu beiden Seiten. Seine Grundaussage war, dass es ihm vor allem um die leidende Bevölkerung gehe. Es zeigte sich aber immer klarer, dass Papst Franziskus eine eher pro-palästinensische Sicht hatte. Die israelische Seite fühlte sich entsprechend von ihm nicht verstanden. Vor allem seine Aussage, man müsse untersuchen, ob es in Gaza um einen Genozid gehe, hat zu einer grossen Krise im jüdisch-christlichen Gespräch geführt. Mit dem Papstwechsel sieht es nun nach einem Neuanfang aus.
Wie beurteilen Sie das: Kann man das Vorgehen Israels gegen die Bevölkerung in Gaza Genozid nennen?
Christian Rutishauser: Nein, solche Reizworte werden der Komplexität des Konflikts nicht gerecht. Ich würde stärker die allgemeine humanitäre Argumentation in den Vordergrund stellen, die Verhältnismässigkeit und die Grundsätze des Völkerrechts. In diesem Krieg muss man beide Seiten anschauen und nicht bloss Aussagen gegen einen Aggressor machen. Also muss man auch anschauen, was die Hamas mit den Palästinenser:innen macht und was sie mit Israel macht. Man muss benennen, dass die Hamas seit jeher die Vernichtung von Israel will. Das ist genozidal und sie würden es tun, wenn sie es könnten, ebenso der Iran. Wenn man das Wort Genozid benutzt, dann auf beiden Seiten.
Im Vortrag sprechen Sie vom «biblisch verheissenen Land». Kann man aus einem biblischen Text, der zudem etwa 3000 Jahre alt ist, ein Recht auf Land ableiten?
Christian Rutishauser: Das tut niemand. Der biblische Text ist im Kontext der Diaspora-Situation zu sehen. Die Bibel sagt: «Ich gebe dieses Land einer Gruppe, die nicht die autochthone Bevölkerung ist. Niemand kann sagen, ich bin hier geboren, das ist mein Land.»
Die Bibel stellt die natürlichen Verhältnisse auch an anderen Stellen in Frage und relativiert sie. Sie gibt das Land stattdessen jemandem, der ethisch handelt: Das Land dürfen nur die besitzen, die den Willen Gottes tun. Das ist die grosse Theologie. Und das ist genial. Es gibt kein natürliches Anrecht auf dieses Land. Deshalb ist es ein verheissenes Land.
Für den christlich-jüdischen und christlich-muslimischen Dialog war das Konzilsdokument «Nostra aetate» wegweisend. Was hat dieses Dokument aus dem Jahr 1965 heute im interreligiösen Dialog mit Muslim:innen, Juden, Jüdinnen für eine Bedeutung?
Christian Rutishauser: Es ist die «Magna Charta» des interreligiösen Dialogs für Katholik:innen. Seither hat sich viel entwickelt, aber es ist der Grundstein, hinter den nicht zurückgegangen werden kann. Der aktuelle Dialog ist geprägt von den Dokumenten der letzten zehn Jahre, vor allem jene um 2015. Der Dialog mit dem Judentum ist auf katholischer Seite der Ökumene zugeordnet. Der Dialog mit dem Islam dem interreligiösen Dialog. Das zeigt, wie unterschiedlich wir uns theologisch verbunden fühlen.
Was sind Kernaussagen von «Nostra aetate»?
Christian Rutishauser: Der erste Satz ist der wichtigste, er lautet sinngemäss: «Die Kirche stösst auf das Judentum, wenn die Kirche über sich selbst nachdenkt.» Das heisst, das Judentum kommt dem Christentum nicht von aussen entgegen, sondern es ist etwas Innerliches. Deshalb ist es der Ökumene zugeordnet. Dann wird daran erinnert, dass Jesus Jude war, ebenso die Apostel und Maria. Heute ist die Einsicht gewachsen, dass wir mit dem Judentum nicht allein das Alte Testament teilen, sondern dass auch die Evangelien und Paulus jüdisch-messianische Schriften sind. Die dritte Aussage ist eine Absage an jeden Antisemitismus. Eine vierte wichtige Aussage ist, dass wir gemeinsam unterwegs sind und Berufung «Schulter an Schulter» haben.
Was sagt «Nostra aetate» zum christlich-muslimischen Dialog?
Christian Rutishauser: Der Text spricht mit Hochachtung vom Islam. Er anerkennt, dass Muslim:innen den einen Gott anbeten und sich wie Abraham ihm unterwerfen. Er erinnert, dass Jesus und Maria von ihnen geehrt werden, auch wenn Jesus nicht als Gottes Sohn anerkannt wird. Auch die gemeinsame Ausrichtung auf Gott als gerechter Richter am Ende der Zeit wird genannt. Der kurze Abschnitt schliesst damit, dass beide Seiten sich um ein neues und aufrichtiges Versehen mühen sollen.
Gibt es Ihrer Meinung nach eine Lösung für den Nahost-Konflikt?
Christian Rutishauser: Es gibt keine Lösung für dieses Land. Und das ist vielleicht die grösste narzisstische Kränkung für den modernen Menschen. Wir ertragen es nicht, dass wir das nicht selbst regeln können. Ein religiöser Mensch weiss das. Das ist auch die vatikanische Position, die sagt, wir sollen keine Gewalt anwenden, aber eine Lösung haben wir nicht.
Sie glauben nicht an eine Lösung, aber an Frieden.
Christian Rutishauser: Ich hoffe auf einen Prozess, der weitergeht. Die religiöse Lehre, dass wir uns nicht selbst erlösen können, ist für einen religiösen Menschen nicht nur etwas Individuelles, sondern auch etwas Politisches: Wir müssen beginnen und ethisch handeln, aber wir können es nicht selbst vollenden. Auf der politischen Ebene heisst das: Wir müssen das Gute tun und darauf hinarbeiten, aber wir dürfen es nicht mit Gewalt herbeiführen, denn wir können die Lösung nicht machen. In der biblischen Geschichte von Jakob am Jabok, wo Jakob mit Gott ringt, sagt Jakob am Ende: «Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich». Das ist eine Einladung, miteinander zu ringen und einander nicht loszulassen. Diese geistigen und religiösen Grundsätze müssen auch auf einen gesellschaftlichen Konflikt angewandt werden. Da sind wir bei der politischen Theologie. Wir brauchen eine Verbindung von politischer Theologie und interreligiösem Dialog.
Der Jesuit Christian Rutishauser ist Professor für Judaistik und Theologie sowie Leiter des Instituts für jüdisch-christliche Forschung an der Universität Luzern.
*Am Montag, 30.6. spricht Christian Rutishauser zum Thema «Frieden im Nahen Osten». 18.30 Uhr, Rotonda des Pfarreizentrums Dreifaltigkeit in Bern. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem.