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Die Szene auf dem Bild im historischen Museum Bern ist «historisch unhaltbar», sagt Jo Lang. Foto: Pia Neuenschwander

Bern, Bubenberg und Bruder Klaus

Was hat Niklaus von Flüe mit Bern zu tun? Eine ganze Menge, war auf einer Stadtführung mit Alt-Nationalrat Jo Lang zu erfahren.

 

Die Geschichte des Niklaus von Flüe (1417 – 1487)  ist landläufig bekannt:  Der Obwaldner verlässt nach einer spirituellen Krise mit dem Einverständnis seiner Frau die zehnköpfige Familie und geht als Eremit in die Schlucht von Flüeli-Ranft. Dort soll er allein von der Eucharistie gelebt haben. Er wurde zum Ratgeber und bewirkte, dass die noch junge Eidgenossenschaft beim Stanser Verkommnis von 1481 nicht zerfiel. Seither gilt Bruder Klaus als Friedensstifter.  

Der Kanton Bern kommt in dieser Geschichte nicht vor. Trotzdem sei «ausser Unterwalden  kein Kanton so stark mit Bruder Klaus verbunden wie Bern», sagt Jo Lang. Der Historiker und Alt-Nationalrat führt an diesem Tag etwa 50 eher ältere Personen auf den Spuren von Niklaus von Flüe (1417 – 1487) durch die Bundesstadt.
 


Sinnbild für Frieden und Versöhnung 

Der Spaziergang beginnt im Bundeshaus, hier ist dem Nationalheiligen eine Statue gewidmet. «Von allen Figuren in der Kuppelhalle hat es nur Niklaus von Flüe wirklich gegeben», sagt Lang. «Seine rechte Hand mahnt und die linke beschwichtigt». Von Flüe stehe für Frieden und Versöhnung. Dies im Unterschied zu Arnold von Winkelried, der Sage nach ein Held der Schlacht von Sempach, der «für Verteidigung und Opferbereitschaft» stehe. Gegenüber den beiden Statuen sind die drei Eidgenossen dargestellt, die gemäss Friedrich Schiller auf dem Rütli den Schwur ablegten.  

Der Rundgang führt weiter zum historischen Museum. Wer die Treppe zum ersten Untergeschoss hinuntersteigt, blickt geradewegs auf ein Öl-Gemälde, das etwas im Dunkeln hängt.  «Der Bundesschwur», so der Name des Bildes, wurde 1586 vom Hugenotten Humbert Mareschet im Auftrag der Berner Regierung gemalt. Es zeigt Vertreter der 13 Orte (heute Kantone) der damaligen Eidgenossenschaft, sie stehen im Kreis und haben die rechte Hand zum Schwur erhoben. In der linken unteren Ecke des Bildes ist Niklaus von Flüe abgebildet, seine linke Hand liegt auf der Schulter des reformierten Baslers und die rechte auf jener des katholischen Solothurners.
 


Von Katholiken und Protestanten 

«Das Bild ist historisch unhaltbar», sagt Lang, denn «Niklaus von Flüe ist vor der Reformation gestorben». Das Bild sei vielmehr eine Anspielung auf die friedensstiftende Rolle, die der Eremit aus dem Ranft hundert Jahre zuvor beim Stanser Verkommnis gespielt hatte. Während er damals den Streit zwischen den Land- und den Stadtkantonen befriedete, gehe es auf diesem Bild um Versöhnung zwischen katholischen und protestantischen Orten. Hintergrund war laut Lang ein Bündnis namens «Goldener Bund», den die katholischen Kantone geschlossen hatten und der die Einheit der Eidgenossenschaft gefährdete. «Mit diesem Bild appellierte das protestantische Bern an die katholischen Orte, sich an Bruder Klaus ein Vorbild zu nehmen, der 1481 geholfen hatte, eine Spaltung zu verhindern». 

Ehe die Gruppe Richtung Bubenbergplatz aufbricht, wartet Lang noch mit einer «konfessionellen Stichelei» des protestantischen Malers auf: Bruder Klaus trägt eine Art Feldflasche am Gürtel, was einem fastenden Eremiten schlecht ansteht. «Das war aus katholischer Sicht eine geradezu blasphemische Aussage», findet Lang.
 


Fastenprüfung mit Ritter Bubenberg 

Auch der Berner Ritter Adrian von Bubenberg (1424 – 1479) spielt eine Rolle im Leben von Bruder Klaus. Sein Denkmal auf dem Bubenbergplatz zeigt ihn stehend in Rüstung, ohne Helm, in der rechten Hand hält er ein Schwert, die linke streckt er nach vorne, «behütend», wie Lang sagt. Das Denkmal und seine kriegerischen Inschriften sagten mehr über den Zeitgeist der Errichtung 1897 aus als über Bubenberg selbst, betont Lang. Bubenberg soll mit Niklaus von Flüe zusammengespannt haben in seiner Ablehnung des Kriegs mit Burgund und des Söldnerwesens. Lang nennt Bubenberg gar den «wichtigsten Berner Freund des Eremiten». 

Wie die «Berner Chronik» von Valerius Anshelm  festhält, war Bubenberg auch bei der so genannten Fastenprüfung des Eremiten anwesend.  

Der Bischof von Konstanz, zu dessen Bistum Obwalden gehörte, hatte offensichtlich Zweifel an der Enthaltsamkeit von Bruder Klaus. Er schickte daher 1479 seinen Weihbischof in den Ranft, um zu prüfen, ob Bruder Klaus tatsächlich faste. Zweimal soll er ihn gezwungen haben, einen Bissen Brot zu essen, was beim Eremiteneinen Bluterguss verursachte. Vor dem dritten Bissen sollen die Anwesenden, darunter Adrian von Bubenberg, den Weihbischof gewarnt haben: «Kommt es soweit, dass ihr mit dieser Speise Bruder Klaus um sein Leben bringt, kommen eure Gnaden um seinetwillen zu einer Verkürzung des Lebens.» 
 


Begeistertes Publikum 

Der Spaziergang endet in der Heiliggeistkirche, wo Lang über weitere Beziehungen zwischen Bern und dem Landesheiligen referiert: Vom Brief des Eremiten an den Berner Rat ist die Rede, von der Kirche von Lauterbrunnen, die dank dem Segen Niklaus von Flües gegen des Widerstand des Klosters Interlaken gebaut werden konnte , und vom Humanisten Heinrich Wölflin, einer der ersten Biografen Niklaus von Flües und Vorsteher der Berner Lateinschule, die der spätere Reformator Zwingli besuchen sollte.  

Das Publikum ist begeistert. Unter ihnen der emeritierte Weihbischof Martin Gächter, für den Flüeli-Ranft «der schönste Wallfahrtsort der Welt» ist. «Die Beziehungen zwischen Adrian von Bubenberg und Bruder Klaus waren für mich neu», sagt er. «Die Führung hat mir Bubenberg näher gebracht», sagt auch Ernst Fuchs, Wallfahrtskaplan in Sachseln. Wenn Berner Pilger:innen den Ranft besuchten, spreche er selbst immer über Bubenberg. Allerdings, fügt er lachend an, kämen heute aus Bern mehrheitlich Migrant:innen, die nicht viel über den Berner Ritter wüssten.  

Christoph Schuler, christkatholischer Pfarrer in Bern, ist überrascht, dass Lang das berühmte Zitat «Friede ist allweg in Gott und Gott ist der Fried» aus seinem Brief an den Berner Rat nicht erwähnt hat. «Ich bin überzeugt, dass diese Aussage auch den Berner:innen wichtig war. Es ist häretisch, wenn ein Laie Gott definiert, das hätte Bruder Klaus auf den Scheiterhaufen bringen können.» Dank dem Schutz Adrian von Bubenbergs sei dies nicht geschehen. «Das zeigt, wie gross der Einfluss von Bern in der Innerschweiz war.»