Als im Frühjahr 1832 die Söhne des damaligen Pfarrers von Muri dessen Garten umgruben, kamen verschiedene Bronzeteile zum Vorschein, eines davon sogar beschriftet. Nach Jahrzehnten der Entschlüsselungsarbeit ergaben die Teile schliesslich die Figur einer sitzenden Frau, die einem vor ihr stehenden Bären Früchte anbietet. Diese Darstellung der keltischen Bärengöttin Artio, angefertigt im Jahr 200 n.Chr., ist der älteste Beleg für die Nähe von Mensch und Bär im Aaretal. Allerdings ist die friedliche Darstellung keinesfalls repräsentativ für das Zusammenleben zwischen Bären und Menschen, die immer und überall Feinde gewesen sind.
Bedrohung für Mensch und Vieh
Im dicht mit Wäldern bedeckten mittelalterlichen Europa waren Bären denn auch eine reale Bedrohung für Mensch und Vieh. Einen solchen Bären soll Berthold von Zähringen im 12. Jahrhundert in den Wäldern um die Aareschlaufe erlegt haben und deshalb seine dort neu gegründete Stadt «Bern» genannt und den Bären zum Wappentier erhoben haben.
«Berna» bedeutet «Kluft»
Um vieles belegbarer als diese Legende ist die Annahme, dass der Name der Stadt keltischen Ursprungs ist. Auf dem Gebiet der Engehalbinsel fand man Überreste keltischer und römischer Siedlungen. Das keltische Wort «Berna» bedeutet «Kluft», was die geografischen Gegebenheiten vor Ort gut beschreibt. Die Helvetier nannten die Engehalbinsel denn auch «Brenodor», die später siedelnden Römer nannten sie «Brenodurum». Hieraus mag sich der Name «Bern» ergeben haben.
Der Bär muss sich dann kurz nach der Stadtgründung hinzugesellt haben. So zeigen offizielle Siegel der Stadt und Münzen aus dem frühen 13. Jahrhundert bereits das Bärenmotiv. Ab dem 15. Jahrhundert stellte die Stadt in kleinen, gemauerten Gräben auch echte Bären zur Schau. Einige der ersten Tiere waren vermutlich Kriegstrophäen aus erfolgreich geschlagenen Schlachten in Oberitalien.
Ein totes Bärchen bleibt zurück
Als Napoleon sich 1798 aufgemacht hatte, die Schweiz zu erobern, konnte ihm Bern weder etwas entgegensetzen noch verhindern, dass die Franzosen zwecks Vergrösserung der Schmach die städtischen Bären mit nach Paris nahmen und im Bärengraben nur ein kleines totes Bärchen zurückliessen. Bis zu diesem Zeitpunkt war Bern über mehrere Jahrhunderte hinweg ein mächtiger Stadtstaat gewesen, zu dessen Herrschaftsgebiet zeitweise sogar der heutige Aargau und die Waadt gehörten. Der Bär im Berner Wappen war ein Symbol für diese Stärke, wurde gefürchtet und verehrt.
Nach dem Einfall der Franzosen blieb die Stadt nicht lange ohne Bären: 12 Jahre später war im Bärengraben mit zwei Jungtieren, einem Geschenk aus der Waadt, wieder Leben eingezogen.
Bärengraben in der Kritik
Mit dem allmählich erwachenden Bewusstsein für artgerechte Tierhaltung geriet der Bärengraben national wie international zunehmend in die Kritik. Da ein Bern ohne Bären nicht in Frage kam, entwarf die Stadt schliesslich im Jahr 2001 erste Pläne für einen Park am Aareufer. Heute leben die Berner Bären in einem grossen Freigehege mit Wassergraben, Schlafhöhlen und artgerechten Fütterungsplätzen.
Das kleine tote Bärchen übrigens, das die Franzosen seinerzeit im Bärengraben liegengelassen hatten, ist – sorgfältig ausgestopft – im Historischen Museum der Stadt zu besichtigen. Es erinnert an den Untergang des alten Bern und die glorreiche Zeit davor. Den Berner Bären, soviel ist sicher, wird die heutige Zeit lieber sein.