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«Wer den interreligiösen Dialog unter Jugendlichen stärken will, muss auf Social Media präsent sein», sagt Ramazan Özgü. Foto: Pia Neuenschwander

«Authentische Begegnungen sind entscheidend»

Vorurteile unbedingt ansprechen – das fordert Ramazan Özgü. Der Muslim führt zusammen mit einem jüdischen Kollegen Workshops an Schulen durch.

Interview: Sylvia Stam


Im Rahmen des Projekts «Respect» führen Sie gemeinsam mit einem jüdischen Kollegen Workshops an Schulen durch. Was lernen die Jugendlichen dort? 

Ramazan Özgü: Viele Jugendliche tragen antijüdische oder antimuslimische Stereotype in sich. Wir schaffen einen Raum, in dem sie mit uns als Betroffenen darüber sprechen können. Anfangs sind sie oft gehemmt, doch mit der Zeit entsteht Vertrauen und ein offener Austausch wird möglich. 

Mit welchen Vorurteilen werden Sie konfrontiert? 

Özgü: Ein häufiges Vorurteil ist, alle Muslime seien gewalttätig und würden Frauen unterdrücken. 

Wie reagieren Sie darauf? 

Özgü: Ich bin froh, wenn solche Aussagen kommen, denn sie ermöglichen eine offene Auseinandersetzung mit diesen Vorurteilen. Wird nicht darüber gesprochen, brechen diese Stereotype in Krisensituationen wie dem 7. Oktober umso stärker hervor. Gleichzeitig erkläre ich, was dieses Vorurteil bei mir auslöst: Es verletzt mich, weil meine Friedensarbeit ausgeblendet wird und eine bestimmte Eigenschaft von mir mit Extremismus in Verbindung gebracht wird. Die Jugendlichen sollen verstehen, was solche Zuschreibungen mit Betroffenen machen. 

In Schulklassen gibt es auch muslimische Jugendliche. Was machen solche Aussagen mit ihnen? 

Özgü: Ich frage sie, was diese Aussagen bei ihnen auslösen. Manche möchten nicht auf einer emotionalen Ebene darauf eingehen, doch viele sind dankbar, endlich darüber sprechen zu können. Sie fühlen sich in ihren Gefühlen und Meinungen ernst genommen. Authentische Begegnungen sind entscheidend: Wenn jemand sagt «Hey, das hat mir wehgetan!», erreicht das die anderen. Werden Vorurteile nicht thematisiert, besteht die Gefahr, dass sie verinnerlicht werden, dass junge Muslime etwa denken: «Ich bin halt ein gewalttätiger junger Mann». 

Was hat sich seit dem 7. Oktober verändert? 

Özgü: Wir werden deutlich häufiger angefragt. Früher gingen die Impulse meist von engagierten Lehrpersonen aus. Heute sind konkrete Vorfälle der Anlass. Etwa wenn jüdische Menschen in der Schweiz für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden – was klar antisemitisch ist. Auf muslimischer Seite sind besonders sichtbar muslimische Menschen betroffen, etwa kopftuchtragende Frauen, die verbale und tätliche Angriffe erleben. Die Feindseligkeit gegenüber jüdischen Gläubigen und Muslim:innen ist sichtbarer geworden und wird offener ausgesprochen. 

Sie forschen zu digitaler Religion. Welche Rolle spielt interreligiöser Dialog auf Social Media? 

Özgü: Man darf nicht unterschätzen, was dort geschieht. Social Media ist dialogischer als angenommen. Influencer:innen stehen in direktem Austausch mit ihren Follower:innen, indem sie Live-Events durchführen und in Chats auf deren Fragen eingehen. Gleichzeitig dominiert oft ein Schwarz-weiss-Denken, das die Menschen in Gut und Böse einteilt, was Radikalisierung begünstigt. 

Was kann man dem entgegensetzen? 

Özgü: Wer den interreligiösen Dialog unter Jugendlichen stärken will, muss auf Social Media präsent sein. Sonst überlässt man das Feld anderen. Dafür braucht es Menschen, die ihr Gesicht zeigen, und finanzielle Mittel, um Reichweite zu generieren. Jugendliche verbringen viel Zeit auf Social Media: Schon wenige Videos, die vermitteln, dass Religionen befreundet sein können, dürften nachhaltig wirken. 

Gibt es weitere Möglichkeiten, Jugendlichen ein differenziertes Bild von Religionen zu vermitteln?  

Özgü: Es gibt Social Media Accounts, die das Video eines fremden Accounts mit einseitigem Inhalt einblenden und dieses dann kritisch einordnen. Das ist ein toller Ansatz, denn so lernen Follower:innen, mit diesen Bildern und Videos umzugehen. Man kann solche Videos auch im Religionsunterricht aufgreifen und aufzeigen, dass es Influencer:innen gibt, die mit einer gewissen religiösen, extremistischen Motivation auftreten. 

 

Zur Person:

Ramazan Özgü (40) wuchs als Sohn türkischer Eltern in Zürich auf. Er studierte Jus an der Universität Zürich und promovierte mit einem Schwerpunkt im evangelischen Kirchenrecht. Er hat zudem einen Master in Dialog Studies. Der Muslim engagiert sich im interreligiösen Dialog und führt im Rahmen des Projekts «Respect» zusammen mit einem jüdischen Kollegen Workshops auf allen Schulstufen durch.