40 Tage nach Ostern ist Christi Himmelfahrt, auch Auffahrt genannt. Das Fest findet immer an einem Donnerstag statt und ist ein landesweit gesetzlich verankerter Feiertag. Aber was feiern wir da eigentlich? Diese Frage zu beantworten, fällt auch praktizierenden Christ:innen nicht immer leicht.
Die Bibel berichtet von der Himmelfahrt Christi im Lukasevangelium (Lk 24,50–53) und in der Apostelgeschichte (Apg1,9ff.). Hier wird sie als sichtbares Entschwinden Jesu vor den Augen seiner Jünger:innen beschrieben. Auch die Aufnahme in den Himmel findet Erwähnung, jedoch als ein den Menschen verborgenes Geschehen.
Bei der Himmelfahrt geht es nicht um ein wörtlich genommenes «Abheben» Jesu in und über die Wolken, sondern um eine «Erhöhung» im übertragenen Sinne. Jesus wird in den Himmel aufgenommen, das heisst, er hat Teil an der Herrschaft Gottes und ist ihm so nahe wie niemand sonst. In meiner deutschen Heimat hat das Himmelfahrtsfest in den vergangenen Jahren eine neue Bedeutung bekommen, die den religiösen Bezug zunehmend verdrängt.
Im Volksmund ist der Himmelfahrts- zum «Vatertag» geworden. An diesem Tag ziehen Männergruppen mit einem Bollerwagen oder Schubkarren auf eine Wanderung, nicht selten konsumieren sie dabei beträchtliche Mengen Alkohol.
«Er sitzt zur Rechten des Vaters»
«Er sitzt zur Rechten des Vaters», heisst es im Glaubensbekenntnis über Jesus. Diese «Vater-Nähe» feiert der Himmelfahrtstag. Das ist aber wohl auch der einzige inhaltliche Bezug, der sich zwischen Himmelfahrts- und Vatertag herstellen lässt. Ausserdem gab es am Himmelfahrtstag schon im Mittelalter Prozessionen durch Felder und Wiesen, allerdings nicht begleitet durch Bier oder Wein, sondern durch Gebete um eine reiche Ernte.
Im Luzernischen haben Umritte am Himmelfahrtstag bis heute Tradition. Die Kombination von Auffahrt und Vatertag kann darüber hinaus Anlass geben, einmal auf Väterfiguren in der Bibel zu schauen. Der evangelische Theologe Uwe Birnstein hat vor einigen Jahren ein lesenswertes Buch mit 20 Porträts über Väter in der Bibel geschrieben. Seine These: Auch wenn die meisten biblischen Väter mit Blick auf die Kinderziehung heute kaum mehr als Vorbild gelten könnten, so seien ihr Nachdenken über die Vater-Rolle, ihre Ängste und Nöte, Sehnsüchte und Träume von denen der heutigen Väter gar nicht so weit entfernt.
Die alttestamentliche Geschichte von Abraham etwa, dem «Stammvater» von Judentum, Christentum und Islam, ist voller Dramatik und Ambivalenzen. Sie stösst ab und fasziniert, erschreckt und beeindruckt. Sie erzählt von ungewollter Kinderlosigkeit, von «Patchwork»-Konstellationen und den damit verbundenen Konflikten, von der väterlichen Machtposition und dem Verhältnis von religiösem Glauben, eigenen Gefühlen und der Rolle des Verstandes.
Ganz anders das Gleichnis vom verlorenen Sohn im Neuen Testament. Es zeichnet das Bild eines Vaters, der, grossherzig und weise, seinem gescheiterten Kind mit offenen Armen begegnet. Aus der Vater-Perspektive gelesen, geht es hier um Fragen des Loslassens, des Zurückstellens sich aufdrängender Gefühle und des Zugehens auf andere, insbesondere die eigenen Kinder.
Vatersein ist kein paradiesischer Zustand
Zu Beginn seines Buches blickt Birnstein auf Adam. Dieser wird erst nach Verlassen des Paradieses Vater. «Vatersein ist kein paradiesischer Zustand», schreibt Birnstein denn auch. Vatersein ist nie reines Glück, sondern immer auch anstrengend und herausfordernd – selbst das lässt sich schon in der Bibel nachlesen. Väter zu feiern, ist also allemal berechtigt. Dies an Auffahrt zu tun, dagegen keinesfalls zwingend.
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