Die Frage, die der australische Sänger Cave in seinem Song «Into My Arms» anspricht, lautet: Greifen fremde Kräfte in unser Leben ein, um bestimmte Ziele zu erreichen, oder beruht unser Leben nur auf chaotischen Zufällen? Diese Frage stellt sich laut den Evangelien auch Jesus in einer dunklen Nacht der Sinnsuche auf dem Ölberg. Er hadert mit der Ausweglosigkeit seiner Situation, fragt nach dem Sinn seines Schicksals und danach, ob es wirklich ihm als Jesus von Nazaret zugedacht ist.
Auch Jesus war ein freier Mensch
In «Die letzte Versuchung Christi» (1988), dem umstrittenen Jesus-Film von Martin Scorsese, wird dieser Zweifel Jesu am Sinn seines Daseins plakativ durchgespielt. Jesus erscheint am Kreuz ein Engel, der ihn von seinen Qualen erlösen möchte. Jesus steigt tatsächlich herab und wählt für sich ein Leben in Galiläa inklusive Frau und Kindern. Kurz vor seinem Tod besucht ihn Judas, der ihn wegen des Verrats seiner Bestimmung scharf anklagt. Jesus erkennt, dass ihn kein Engel vom Kreuz erlöst hat, sondern Satan. Er entscheidet sich doch noch für sein Martyrium und findet sich wieder am Kreuz – sein bürgerliches Leben war nur eine teuflische Vision, eben eine «letzte Versuchung».
Das zentrale Wort im vergangenen Abschnitt ist «Entscheidung». Jesus entscheidet sich, dem Willen des Vaters zu folgen. Er ist kein göttlicher Roboter, der einen vorgegebenen Plan ausführt. Jesus ist ein freier Mensch, der sich auch gegen den Willen des Vaters hätte entscheiden können. Diese Entscheidung ist allerdings kein Zufall. Sie ist die logische Konsequenz der Beziehung Jesu zu seinem Vater, die sich in seinem Handeln und seiner Botschaft vom Reich Gottes ausdrückt. Er entscheidet sich, im wahrhaftigen «Ja» zu sich selbst einen Weg zu gehen, der ihn schliesslich ans Kreuz führt.
Es geht um eine Entscheidung zur Wahrhaftigkeit
Ostern können wir in diesem Sinn als Plädoyer für eine wahrhaftige Lebensführung auf den Spuren der eigenen Biografie verstehen. Ostern verdeutlicht uns, dass menschliches Leben weder schicksalhaft noch zufällig ist, sondern dass es durch das persönliche «Ja» zum göttlichen Geschenk des eigenen Lebens, durch das «Ja» zur eigenen Biografie, durch das «Ja» zur eigenen Identität schlussendlich zur Erfahrung eines «guten Lebens» führen kann. Das tönt nach billiger Beraterliteratur. Die Passionsgeschichte Jesu gibt diesem Leseeindruck aber einen säurigen Stachel.
Amor fati – die Liebe zur Gestaltung des eigenen Schicksals bedeutet nämlich auch, den Entwicklungslinien der eigenen Biografie mit Leidenschaft – Passion! – auch dahin zu folgen, wo es unangenehm, vielleicht sogar gefährlich wird. Damit ist nicht gemeint, dass Christ:innen um des Leidens willen leiden sollten. Aber Zeugnis (griechisch: martyria) können und sollten sie für das sehr christliche Verständnis ablegen, dass der Lauf der Welt weder einer schicksalhaften Logik folgt noch unbeeinflussbaren Zufällen unterliegt.
Jesus zeigt, dass ein wahrhaftig geführtes Leben, das gegen Ungerechtigkeit die Stimme erhebt und auf Gott vertraut, den Lauf der Welt radikal umgestaltet. Damit hat er unserer wahnsinnigen, verrückten, liebenswürdigen, chaotischen Welt einen Weg zur Heilung abgerungen – den zu beschreiten, auch wir eingeladen sind, um mit einem Leben in Wahrhaftigkeit die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
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