«pfarrblatt»: Wie erklären Sie das Chaos im Universum, das gleichzeitig Ordnungen folgt?
Kathrin Altwegg: Aus Chaos entstehen immer wieder geordnete Zustände und umgekehrt. Oft hängen diese Prozesse von der Temperatur, Energie und Gravitation ab. Alles, was da ist, zieht sich an. Je nachdem, wie die Materie im All verteilt ist, entstehen dabei grössere oder kleinere Himmelskörper. Vieles ist Zufall, Glück oder göttliche Vorsehung, je nachdem wie man es sieht.
Unser Mond ist zum Beispiel aus dem Zusammenstoss zwischen der Erde und einem anderen Planeten entstanden. Dabei zerschmetterten der Planet und ein Teil der Erdkruste. Daraus entstand unser Mond, der die Erde wie ein Arm im Universum stützt. Der Mond entfernt sich vier Zentimeter pro Jahr von uns weg. Mit einem zehn bis 80 Kilometer grösseren Radius wäre er schon längst weit weg. Dass es uns heute gibt, verdanken wir Zufällen wie diesem.
Haben Sie Beispiele aus Ihrer Forschung?
Kathrin Altwegg: Wir wollten erfahren, was aus dem anfangs chaotischen Sonnensystem hervorging. Mich interessieren Kometen, sie haben etwas vom ursprünglichen Chaos behalten. Sie sind weit verstreut, und ihre Struktur ist sehr unterschiedlich. Der Komet «Tschuri», den wir mit der Rosetta-Mission (siehe Infobox) erforscht haben, war ein Entlein. Mit seiner Form und seinem Gewicht könnte er auf dem Thunersee schwimmen.
Was haben Sie dabei gelernt?
Kathrin Altwegg: Dass die Materie von Kometen überall existiert. Auch wir bestehen aus Sternenstaub. Wir sind ein winziger Teil im grossen Ganzen. Das macht mich gelassener. Meine Zeit hier ist beschränkt. Danach werde ich wieder zu Sternenstaub. Das ist doch schön! Unsere Atome bleiben nach unserem Tod erhalten, vor allem Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff. Diese überleben sogar den Tod der Sonne. Auch sie wird in fünf Milliarden vergehen, und aus ihrer Materie werden neue Sterne entstehen. Unser Geist hingegen entzieht sich allen Messmöglichkeiten. Das ist eine andere Dimension. Was damit passiert, kann ich nicht sagen.
Lässt sich Naturwissenschaft mit religiösem Glauben verbinden?
Kathrin Altwegg: Ich bin nicht religiös, kann mir eine göttliche Dimension aber vorstellen. Wir können den Herrgott weder beweisen noch widerlegen. An der Uni Bern arbeiten wir interdisziplinär zusammen, auch mit Theolog:innen. Die Naturwissenschaft fragt nach dem Wie, die Theologie nach dem Warum. Der Mensch fragt nach beidem. Da das Warum viel komplizierter ist, habe ich Physik studiert. Vor dem Urknall gab es nichts, keine Materie, keine Zeit, nur Energie. Ob diese Gott ist, bleibt unbeantwortbar. Damit kann ich gut leben.
Sehen Sie Parallelen zwischen der Chaostheorie und dem Karfreitagsgeschehen?
Kathrin Altwegg: Eigentlich nicht. Da war eine Ordnung dahinter, auf menschlicher und göttlicher Ebene. Das war kein Zufall. Es hätte wahrscheinlich nicht anders kommen können. Die Leute waren, wie sie sind.
Lässt sich Auferstehungshoffnung im Kontext Ihrer Forschung entdecken?
Kathrin Altwegg: In der Weltraumforschung geht es um Fragen des Lebens, woher es kommt und was danach ist. Als geordnete Lebewesen streben wir nach Ordnung, wobei wir aus ungeordnetem Sternenstaub stammen und wieder dazu werden. Was, wenn das Universum zu Ende geht? Wasserstoff bringt die Sterne zum Leuchten und wird dabei verbraucht. Das Weltall ist nicht nachhaltig. Irgendwann wird es dunkel und kalt. Das wäre dann der letzte Tag. Ein zyklisches Werden, Sein und Vergehen wird es dann nicht mehr geben. Laut einer neueren Theorie wird sich das Universum in 19 Milliarden Jahren wieder zusammenziehen.
Sozusagen der Urknall rückwärts.
Kathrin Altwegg: Genau. Was danach kommt, weiss niemand. Aber es wäre der Anfang von etwas Neuem. Ich halte mich jedoch an Beobachtungen, nicht an Hypothesen. Man hat auf Kometen präbiotische Moleküle gefunden. Damit daraus Leben entstehen kann, braucht es Wasser, wenig Temperaturschwankungen und sehr viel Zeit. Unser System ist 540 Millionen Jahre lang stabil genug geblieben. Meistens war die Erde mit Fieber unterwegs, das heisst, ohne Eis an den Polen. Das war lange der Normalzustand der Erde. Jetzt sind wir in einer Kaltzeit.
Wobei Klimawandel und Gletscherschmelze allgegenwärtig sind.
Kathrin Altwegg: Was der Mensch macht, wird die Klimaerwärmung wohl beschleunigen. Organismen können sich sehr gut anpassen – nicht aber, wenn es schnell geht. Der Mensch weiss sich, mit Technologie zu helfen, wir können heizen und kühlen. Doch mit der Zeit wird es weniger Nahrung geben, und Ressourcenknappheit führt oft zu Kriegen. Das ist die grösste Gefahr, die ich sehe – schlussendlich wird es der Mensch sein, der sich selbst auslöscht.
Kann die Weltraumforschung angesichts dessen Orientierung geben?
Kathrin Altwegg: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gibt es anderes intelligentes Leben im Universum? Um diese Fragen kommen wir nicht herum. Die Weltraumforschung heilt keine Krankheiten, und sie führt nicht zu mehr Nahrung, Frieden oder Freiheit. Aber sie gehört zu unserer Kultur, wie Musik, Theater oder Bilder. Es gehört zu uns, dass wir unsere Umgebung neugierig anschauen. Packen wir die 13,87 Milliarden Jahre des Universums als Vergleich in ein Erdjahr: Am 1. Januar war der Urknall. Im August entstanden Sonne und Erde, im September erste Lebensformen. An Heiligabend kamen die Dinosaurier, an Weihnachten die Säugetiere, und am 29. Dezember starben die Dinos aus.
Sie waren also gerade mal fünf Tage auf der Erde.
Kathrin Altwegg: Genau. Zu Silvester kamen daraufhin um 10.15 die Affen. Um 22.48 entstand der Homo erectus und starb gleich wieder aus. Der Homo sapiens entstand sechs Minuten vor Mitternacht. Fünfzehn Sekunden vor Mitternacht haben wir gelernt zu schreiben, sieben Sekunden vor Mitternacht haben wir die Pyramiden gebaut, und eine Sekunde vor Mitternacht hat Kolumbus Amerika entdeckt. Und jetzt – jetzt ist Mitternacht.
Das gibt eine Ahnung davon, wie kurzlebig der Mensch ist.
Kathrin Altwegg: Ja. Der Blick ins All zeigt, wir sind ein Augenblick in der Ewigkeit. Geniessen wir diesen Augenblick, den wir auf dieser einzigartigen wunderschönen Erde haben. Und tragen wir Verantwortung.
Spurensuche 2026: «Chaos»
Vier musikalisch begleitete Denkpausen, jeweils von 12.15 bis 12.45 in der Christkatholischen Kirche St. Peter und Paul, Bern. Danach Apéro. Eintritt frei, Kollekte für «Pluto», Notschlafstelle für junge Menschen, Bern.
Di., 21. April: SP-Politikerin Edith Siegenthaler, Grossratspräsidentin des Kantons Bern
Di., 28. April: Frank Bangerter, Bischof der Christkatholischen Kirche der Schweiz
Di., 5. Mai: Kathrin Altwegg, Astrophysikerin, Universität Bern
Di., 12. Mai: TV-Journalist Stefan Reinhart, Leiter Auslandskorrespondent:innen SRF