So schlecht ist die Wohnung, die für diesen Abend meine sein soll, eigentlich nicht: Drei Zimmer, eine Küche, ein Bad – situiert im Erdgeschoss der historischen Wohnblockbebauung im Berner Murifeldquartier. Die Wohnung gehört der Stadt, sie wird an Menschen vermietet, die weniger Geld haben als der Durchschnitt der Schweizer Bevölkerung. Zugegeben, die Wände könnten mal gestrichen werden, und Möbel gibt es auch nicht so viele. Aber die rund 100 Jahre alten Räume haben durchaus ihren Charme.
«Herzlich willkommen in eurem Daheim», sagt der Spielleiter Christoph Keller, Schauspieler und Mitglied des Kollektivs «impAct», das das interaktive Theaterprojekt «Ar.Mut – was wäre, wenn ich?» entwickelt hat. Fünf Frauen, ein Mann und ich nehmen an dem Projekt teil und versetzen uns dabei in die Situation einer von Armut betroffenen Person.
Ein Briefspiel als Vorbereitung
Die Perspektivenübernahme hatte bereits einige Tage vor dem Abend im Murifeld begonnen. Nach dem Kauf eines Tickets für das Theaterprojekt bekam man per Post ein Briefspiel zugeschickt, das jede:r Teilnehmende zu Hause für sich spielte.
Das Spiel begann mit der Reflexion der eigenen Situation: Wie geht es mir gesundheitlich, wie wohne ich, bin ich vernetzt? Spreche ich eine Landessprache, fühle ich mich als Teil der Gesellschaft, habe ich Geld? Darauf folgte die Aufforderung, ein zweites Ich anzunehmen: Ein Ich, das in Armut lebt und in jedem Lebensbereich über weniger Ressourcen verfügt. Wie diese Ressourcen genau verteilt sind, konnte jede:r Teilnehmende selbst entscheiden.
Das eigentliche Gedankenspiel begann dann an der Schwarztorstrasse, vor dem Gebäude des Sozialdienstes der Stadt Bern. Das imaginäre Ich war dort, um einen Antrag auf Sozialhilfe zu stellen. Es sah das Regal mit der Gratislektüre, bemerkte, wie ruhig es trotz der vielen Wartenden war und dass alle nur mit einer Nummer angesprochen werden. Schliesslich übergab das imaginäre Ich der Sozialarbeiterin den Antrag.
Armut trifft nicht alle gleichermassen
Im Laufe des Briefspiels können die Spieler:innen immer wieder wählen, wie der weitere Weg als arme Person verlaufen soll. Dabei wird schnell klar: Alles hängt von den anfangs bestimmten Ressourcen ab. «Armut kann jeden treffen», das sei so ein Satz, den er bei der Vorstellung des Projekts immer wieder gehört habe, sagt Christoph Keller. Der Satz stimme aber nicht. Armut könne nicht alle treffen, zumindest nicht alle gleichermassen. Er selbst gehörte schon einmal zur Gruppe der Armutsbetroffenen, habe sich aber nie arm gefühlt. «Ich hatte meine Situation freiwillig gewählt und wusste, ich kann notfalls auch etwas anderes machen.»
In der Schweiz gilt als arm, wer weniger als 2400 Franken im Monat zur Verfügung hat. Dies sind aktuell rund 740 000 Menschen, also fast 8,5 Prozent der Bevölkerung. Noch einmal so viele leben am Rand des Existenzminimums und sind damit ständig bedroht, in die Armut schlittern. Besonders häufig sind dies Migrant:innen und Alleinerziehende. Jedes fünfte Kind in der Schweiz ist von Armut betroffen oder bedroht.
«Selbst schuld» sei immer noch ein Vorwurf, den arme Menschen zu hören bekämen, sagt Sybille Roter vom Verein «Surprise». Armut sei aber ein strukturelles Problem. Das sagt auch Ilaria Longo von Caritas Bern: «Es braucht manchmal sehr wenig, um in Armut abzurutschen, aber sehr viel, um wieder herauszukommen.»
Arm zu sein bedeutet mehr, als wenig Geld zu haben
In der Wohnung im Murifeldquartier haben wir nun 45 Minuten, um uns umzuschauen: Der Geschirrspüler und der Wäscheständer sind kaputt, die auf dem Computer abgespeicherten Bewerbungsschreiben allesamt abschlägig beantwortet. Auf dem Wohnzimmertisch liegen Rechnungen, die bezahlt werden sollen, im Kinderzimmer der ins Tagebuch geschriebene Wunsch, doch endlich einmal ins Kino auszugehen.
In der Küche begegne ich der Aufgabe, einen möglichst günstigen Einkaufsplan zu erstellen. Auf dem Balkon findet sich eine Einladung zum Klassentreffen mit der Bitte, 200 Franken einzuzahlen und die Aufgabe an uns Teilnehmende, die ehemaligen Klassenkamerad:innen von einer günstigeren Alternative zu überzeugen.
Arm zu sein bedeutet mehr, als wenig Geld zu haben. Es bedeutet auch weniger Zeit und weniger Teilhabe, mehr Angewiesen-Sein auf andere, eine fragilere Gesundheit, weniger Privatsphäre, existenzielle Ängste, Erschöpfung und Stress. Die Autorin Miriam Davoudvandi schreibt in ihrem kürzlich erschienenen Buch über ihr Aufwachsen in einer armen Familie in Deutschland: «Armut beeinflusst, wie wir denken, fühlen, lieben, sprechen, aussehen, uns anziehen, uns benehmen, essen, konsumieren, wohnen, ob wir psychisch und physisch gesund sind – und sogar, wie wir sterben.»
Wer an «Ar.Mut – was wäre, wenn ich?» teilnimmt, begreift, dass Armut alle Bereiche des Lebens betrifft. Dabei werde Armut immer noch tabuisiert, sagt Christoph Keller. «Wir, die nicht arm sind, wollen nicht hinschauen.» Mit dem interaktiven Theaterprojekt gehe es seinen Kolleg:innen und ihm nicht darum, Mitgefühl für arme Menschen auszulösen. «Es geht darum überhaupt zu erfahren und zu verstehen, was es bedeutet, in der Schweiz arm zu sein.»
Wie gelingt der Ausweg aus der Armut?
Die Dreiviertelstunde in der Wohnung vergeht schnell, es ist unmöglich, alle Aufgaben in der Zeit zu erledigen. Ein Klingeln ruft uns ins Schlafzimmer der Wohnung, aus dem Off tönt die fiktive Stimme eines Armutsbetroffenen, der den Ausweg aus der Armut herbeisehnt: «Es hämmert so laut. Bin ich krank? Ist mit meinem Herzen alles ok? Ich muss das mal ganz konkret machen. Überlege dir, was du machen willst. Du kannst alles werden, du musst dich nur entscheiden.»
In einer Art Escape Room suchen wir den Ausweg aus der Armut gemeinsam. Natürlich gelingt er im Spiel leichter als im echten Leben. Unsere Gruppe findet den Weg in einen Raum ausserhalb der Wohnung, in dem alle wieder ihr altes Ich annehmen.
Gemeinsam mit einer armutsbetroffenen Person und dem Autor Raphael Urweider als Moderator sprechen wir über das Erlebte. Urweider, der selbst Armutserfahrungen hat, bestätigt den Eindruck, dass es aufwändig ist, sich durch einen Alltag in Armut zu navigieren. «Arm zu sein ist fast ein Job», sagt er. Man müsse gut organisiert sein, wissen, wann es Dinge günstig gebe und wo man Unterstützung bekomme. Dabei eigne man sich aber auch Fähigkeiten an. «Arme Menschen leben ressourcenschonend. Damit könnten sie uns eigentlich ein Vorbild sein», sagt eine Teilnehmerin. Auch das ist ein Aspekt, den ich aus diesem Abend mitnehme.
Der Abend hat das Thema Armut für mich präsent und greifbar gemacht hat. Ich bin froh, an diesem Abend in mein eigenes Daheim zurückzukehren, das so viel mehr Ruhe und Leichtigkeit ausstrahlt als die Wohnung im Murifeldquartier. Der Gedanke, dass vielen Menschen auch in der Schweiz ein Zuhause und ein Alltag verwehrt ist, in dem sich nicht ständig alles ums Geld dreht, wird mich so schnell nicht loslassen.
Zum Projekt
Das interaktive Gedankenspiel «Ar.Mut – was wäre, wenn ich?» kombiniert ein Briefspiel mit dem Besuch einer begehbaren Wohnung in Bern. Es richtet sich an Menschen, die selbst nicht von Armut betroffen sind.
Das Projekt wurde entwickelt und wird durchgeführt von «impAct», einem Kollektiv von fünf Theaterschaffenden aus der Schweiz. Beraten wurden sie dabei von Menschen, die in der Schweiz in Armut leben. Caritas Bern unterstützt das Projekt anlässlich seines 40-Jahr-Jubiläums. Weitere Partner und Unterstützer sind der Verein «Surprise», «ATD – Vierte Welt», der Kanton sowie die Stadt Bern.
Verbleibende Spieldaten: 02.-05.07.2026
Tickets: 20.- / 35.- / 50.-
Weitere Infos
Eine weitere Möglichkeit, sich in das Leben einer von Armut betroffenen Person hineinzuversetzen, bietet Caritas Schweiz online mit dem Armutsparcours.