Der Ruf nach «Reformen» ist allgegenwärtig – in Schule, Politik, Gesellschaft und Kultur. Immer schwingen dabei Fragen mit: Wie tiefgreifend sollen die Veränderungen sein? Ist das Ziel die Rückbesinnung auf das Ursprüngliche oder die Ausrichtung auf neue Herausforderungen?
Das Zweite Vatikanische Konzil benennt das kirchliche Spannungsfeld: Die Kirche gehe «immerfort den Weg der Busse und der Erneuerung». Prägend wurden die Begriffe «Aggiornamento» («Verheutigung») und «ad fontes» («zurück zu den Quellen»): Reform meint Besinnung auf den jesuanischen Ursprung der Kirche – und zugleich Aufmerksamkeit für die «Zeichen der Zeit».
Der Begriff selbst trägt diese Spannung in sich: «Re-Form» bedeutet einerseits, etwas wieder in Form zu bringen – andererseits meint «re» im Lateinischen verstärkte Intensität: etwas zu seiner eigentlichen, tieferen Form bringen. Schon der Begriff enthält also eine dreifache Zielbestimmung: Treue zum Ursprung, Besinnung auf den Auftrag und Ausrichtung auf die Zukunft.
Was soll sich ändern?
Die Kirche ist eine vielschichtige Wirklichkeit. Die Erwartungen sind entsprechend vielfältig: eine erneuerte Liturgie, Weiterentwicklung von Glaubenslehre und Moral, Reform der Ämterstruktur und des Kirchenrechts, ein verstärktes Miteinander, Aufarbeitung von Missständen. Manches lässt sich «vor Ort» verändern – anderes erfordert Entscheide der Weltkirche oder einen Mentalitätswandel, den keine Institution von oben verordnen kann.
Wie verändert sich Kirche?
Reformen kamen stets aus sehr verschiedenen Richtungen: von engagierten Randgruppen, neuen Ordensgründungen, spirituellen und sozialen Bewegungen – aber auch von Konzilien und Synoden oder unter dem Druck von Krisen.
Für die Glaubenslehre lassen sich drei Muster unterscheiden: Erstens die offene Korrektur – wenn eine frühere Position ausdrücklich revidiert wird, wie 2018 beim Katechismus zur Todesstrafe. Zweitens das «bewusste Vergessen» – wenn überholte Lehren stillschweigend fallengelassen werden. Drittens die Neuerung ohne Eingeständnis – wenn Wandel als Kontinuität dargestellt wird, wie beim Schwenk von der päpstlichen Ablehnung der Menschenrechte im 19. Jahrhundert zur Anerkennung der Religionsfreiheit durch das Zweite Vatikanum.
Synodalität – «die» Reform der Reformen?
Papst Franziskus hat einen weltkirchlichen synodalen Prozess angestossen, der Kirche auf allen Ebenen verändern soll. Diese Entwicklung ist wichtig – wenn sie mit Energie und Offenheit angegangen wird. Gleichzeitig droht «Synodalität» zum Sammelbegriff für sehr Verschiedenes zu werden. Wer Reform ernst nimmt, muss präzisieren: Was soll sich wo und wie verändern? Die Antwort führt zurück zur dreifachen Zielbestimmung von «Re-Form»: Treue zum Ursprung, Besinnung auf den Grundauftrag und Ausrichtung auf die Zukunft.
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