Emil Steinberger, Ursula Andress, Christoph Blocher, Heidi Maria Glössner und Pepe Lienhard gehören dazu. Sie sind alle über achtzig oder neunzig und mittendrin im gesellschaftlichen Leben. Sie zählen zu den körperlich und geistig fitten älteren Menschen und dienen anderen als Vorbilder.
Obwohl die meisten diese ausschliesslich positiven Darstellungen des Alters als wenig realistisch empfinden, zeigen Studien, dass in der Schweiz die Mehrheit der Menschen nach der Pensionierung zufriedener mit ihrem Leben ist als vorher: kein Arbeitsstress mehr, finanzielle Absicherung, gute Wohnsituation und eine hohe Lebenserwartung.
Babyboomer profitieren
Die neuen Alten scheinen in jeder Hinsicht privilegiert zu sein. Sie sind aktiv und konsumfreudig: als muntere Reisegruppe, als engagierte Grosseltern oder solventes Opernpublikum. «Die Babyboomer profitieren von einem historisch einmaligen Aufschwung», sagt der Soziologe und Altersforscher Francois Höpflinger im Gespräch.
«Selbst Menschen mit tiefen Einkommen haben als Rentner Anspruch auf die gesetzliche AHV oder auch Ergänzungsleistungen.» Doch gleichzeitig wachse auch die Ungleichheit, denn längst nicht alle hätten vorgesorgt oder vorsorgen können. «Subjektiv wird Armut in einer wohlhabenden Gesellschaft als besonders belastend empfunden», so Höpflinger.
Wer etwa einen Teil der Rente in Wohneigentum investiert habe, verfüge im Alltag über wenig liquide Mittel. «Das wird leicht als Luxusproblem abgetan, doch in der Praxis ist es schwierig, das gebundene Kapital zu nutzen, weil ein Verkauf des Eigenheims einen grossen Einschnitt bedeutet.»
Niemand will alt sein
Die Gerontologie unterscheidet zwischen dem jungen Alter ab 65 bis etwa 80 Jahren und der Hochaltrigkeit ab 85 Jahren. «Diese Zweiteilung in eine aktive Phase und eine Phase stärkerer Einschränkungen prägt zunehmend unsere Gesellschaft», beschreibt Höpflinger. So würden sich immer mehr über Siebzigjährige keineswegs zu den Alten zählen.
«An Seniorentreffen gibt es mehr Menschen in ihren Achtzigern, die als Helfende dabei sein wollen, als solche, die wirklich Unterstützung brauchen.» Und im Marketing sei längst klar: «Erfolg hat, wer die Senioren nicht als Senioren anspricht.» Dabei würden negative Altersbilder gezielt genutzt, betont Höpflinger, etwa in der Werbung für Anti-Aging-Produkte oder Fitnessangebote, was durchaus Leistungsdruck auslösen könne.£
Die Situation kann kippen
Die Möglichkeit nach der Pensionierung noch mal zwei bis drei Jahrzehnte zu leben, bringt neue Freiheiten. Doch die Situation kann jederzeit kippen: ein Unfall, Krankheit, unerwartete Kosten, Überforderung durch Care-Arbeit oder Beziehungsprobleme können belasten. Während die einen immer noch aktiv sind, müssen andere schwere Krisen meistern, ziehen sich zurück, verschweigen Suchtprobleme und geraten in soziale Isolation.
In keiner anderen Lebensphase seien wir diverser als im Alter, sagt die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello. «Mit zunehmendem Alter werden die Menschen immer unterschiedlicher, was die kognitive und körperliche Gesundheit und die allgemeine Lebensführung betrifft.» Die pauschale Kategorie «65 plus» findet die Altersforscherin problematisch. «Sie ist undifferenziert und schürt die negativen Stereotypen des Alters.» Alte Menschen gelten oft entweder als Profiteure des Rentensystems oder als Belastung für die Gesellschaft.
Neue Bilder des Alters
Dabei leisten vor allem junge Alte enorm viel: Sie betreuen Enkelkinder, pflegen Angehörige, engagieren sich in Gruppen und Vereinen. «Das ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, bleibt aber oft unsichtbar», betont Pasqualina Perrig-Chiello.
Sie beobachtet auch einen Generationenwechsel: Vor allem die Babyboomerinnen bringen neue Erfahrungen mit ins Alter. Sie haben andere Bildungsbiografien, Lebensstile und Familienformen als ihre Mütter.
Das prägt auch die Art, wie sie ihr Alter gestalten. «Heute wollen alte Frauen ernst genommen werden und wehren sich gegen Diskriminierung.» Umso mehr brauche es neue Bilder des Alters. «Das Alter sollte weder idealisiert noch ausschliesslich defizitär gesehen werden. Und: Es ist auch nur ein Aspekt von vielen, die einen Menschen ausmachen», so Perrig-Chiello.
Glaube wird wichtiger
Altwerden erfordert Anpassungsfähigkeit: Viele Prozesse passieren einfach, man fühlt sich ausgeliefert und verletzlich. Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit gewinnt an Bedeutung. Untersuchungen zeigen, dass im sehr hohen Alter oft Erinnerungen und Glaubensmuster aus der Kindheit wieder auftauchen: Rituale, Lieder, Gebete, die während Jahrzehnten kaum eine Rolle spielten, werden wieder präsent.
«Der Rückblick auf die eigene Biografie mit ihren Höhen und Tiefen braucht Mut und Kraft», betont Josef Willa, Seelsorger in der Pfarrei St. Marien. Er begleitet Hochaltrige, die sich intensiv mit Glaubensfragen auseinandersetzen, zweifeln, hadern, mit Altersbeschwerden oder Verlust zurechtkommen müssen – aber auch Dankbarkeit empfinden für ihr ereignisreiches Leben.
Einsamkeit schmerzt
Katholisch Sozialisierte wünschten sich nicht selten, dass er mit ihnen bete, ihnen die Kommunion reiche oder sie segne, beschreibt Willa. «Wenn die Worte fehlen, kann ich über Zeichenhandlungen mit den Menschen in Beziehung treten.»
Die Pfarrei sei auch ein wichtiges Beziehungsnetz, wo sich Senior:innen beim Mittagstisch, bei Ausflügen, Vorträgen, Gottesdiensten engagierten. Das sei anregend und sinnstiftend, ist Josef Willa überzeugt. «Die Leute schauen zueinander, fragen nach, wenn jemand fehlt, und fühlen sich zugehörig. Das ist wichtig, denn Einsamkeit ist in jedem Lebensabschnitt schlimm, aber im Alter ganz besonders.»
Pasqualina Perrig-Chiello, Own your Age, Beltz 2024, 285 Seiten.