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«Ich freue mich, katholisch zu sein», sagt die Berner Gemeindeleiterin Edith Zingg nach dem Austausch mit Laientheolog:innen aus aller Welt. Foto: zVg

«Als weltweite Kirche können wir einander inspirieren»

Theolog:innen aus aller Welt, die ohne Priesterweihe in der Kirche tätig sind, trafen sich zum Austausch in Rom. Edith Zingg, Gemeindeleiterin in Ostermundigen, war als Delegierte des Bistums Basel dabei.

 

«pfarrblatt»: Was war das Ziel des internationalen Treffens*?

Edith Zingg: Thematischer Schwerpunkt war die Rolle von nicht geweihten Theolog:innen  im Synodalen Prozess. Gleichzeitig unterscheiden sich die berufliche Situation und die Aufgaben für Laientheolog:innen je nach Land sehr. Daher ging es auch um einen Austausch darüber. 

In der Schweiz haben Laientheolog:innen dieselben Aufgaben wie Priester, bis auf einige Sakramente. Welche Aufgaben haben sie anderswo?

Oftmals lehren sie an Universitäten oder sind in Ausbildung und Katechese tätig.  Andere wachsen sozusagen «aus dem Volk heraus»: Sie übernehmen verschiedene Aufgaben und machen dazu Ausbildungen, haben auch gemeindeleitende Funktionen, weil kein Priester anwesend ist. 

Gibt es Gemeinsamkeiten im Selbstverständnis von Laientheolog:innen weltweit? 

Die Würde, die wir alle durch die Taufe erhalten haben, verbindet uns als Christ:innen und ist die Grundlage für unseren Dienst. Die Taufe ermächtigt uns zu vielem, auch die Lai:innen haben Anteil am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi. Ob in Ghana, Chile, auf den Philippinen oder in Europa, uns allen ist die Berufung gemeinsam, für und mit den Menschen Kirche zu sein und für den Glauben einzustehen. Das zu spüren, hat mich sehr berührt. 

Welche Herausforderungen teilen Laientheolog:innen weltweit?

Vertreter:innen aus allen fünf Kontinenten berichten von Konfliktfeldern im Umgang mit der kirchlichen Hierarchie, mit Entscheidungen von Priestern und Bischöfen. Dass etwa Basisgruppen ein tolles kirchliches Leben gestalten, aber Entscheidungen ‘oben’ getroffen werden, nicht immer im Sinn der Basisgemeinden. Im Synodalen Prozess ist das Aufeinander-Hören zentral. Mehrfach wurde gesagt, Hören sei nicht unbedingt die Stärke der Hierarchie. 

 


Im Bistum Basel ist die Seelsorge in den letzten 30 Jahren weiblicher und weniger klerikal geworden. Ist das ein weltweiter Trend?

Ich glaube, die Entwicklung geht tatsächlich in diese Richtung. In vielen Ländern war das Theologiestudium Priesteramtskandidaten vorenthalten. Nun entstehen an verschiedenen Orten neue Ausbildungsformen: In Nigeria startet eine theologische Ausbildung für Lai:innen, die unter anderem von den USA begleitet wird, in Indien werden Theologische Fakultäten auch für Lai:innen geöffnet. 

Sie haben in Rom darüber diskutiert, was der spezifische Beitrag von Laientheolog:innen im Synodalen Prozess sein kann. Zu welchen Antworten sind Sie gekommen?

Die Unterschiede im Umgang mit dem Synodalen Prozess sind sehr gross. Auf den Philippinen oder in Korea gibt es christliche Basisgruppen und damit eine gewisse synodale Struktur. Laientheolog:innen sind stark in diese Prozesse involviert. Ganz anders in Ghana, wo sich kaum jemand für den Synodalen Prozess interessiert, noch nicht einmal die Bischöfe, die im Vatikan waren. 

Wie sieht der Synodale Prozess in den deutschsprachigen Ländern aus?

Deutschland ist stark mit dem «Synodalen Weg» beschäftigt, der als Antwort auf die Missbräuche gestartet wurde. Österreich investiert viel in die Ausbildung für den Synodalen Prozess. Auch das Bistum St. Gallen, aus dem drei Vertreter:innen anwesend waren, ist hier sehr stark. Dort legt man grossen Wert auf das so genannte synodale Gespräch, das in der ignatianischen Spiritualität wurzelt, die Methode der Gesprächsführung, die an der Bischofssynode in Rom angewendet wurde. Im Bistum Basel geht es zur Zeit mehr darum, den Dialog zwischen den Landeskirchen und der Diözese zu stärken.

Es gibt einen Abschlussbericht zu diesem Treffen. Was geschieht damit?

Wir haben uns verpflichtet, den Bericht unseren Bischöfen zu unterbreiten. Es ist wichtig, dass man in Ghana und der Schweiz erfährt, was die Rolle von Laientheolog:innen etwa in Südkorea ist – und umgekehrt. Das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Berufsgruppe soll weltweit gestärkt werden. Man hört oft, Laientheolog:innen gebe es vor allem im deutschsprachigen Raum. Das trifft so nicht zu! 

Seitens des Vatikan war Sr. Nathalie Becquart, Untersekretärin der Bischofssynode, einen Nachmittag bei uns. Auch sie wird den Bericht in die vatikanischen Gremien mitnehmen. 


Spielen die deutschsprachigen Länder, insbesondere die Schweiz, dennoch eine Vorreiterrolle? 

Ja, was die Verbreitung dieses Berufes und unsere Kompetenzen angeht. Manche Kolleg:innen am Treffen haben gestaunt, welche Aufgaben Gemeindeleitende übernehmen dürfen. 

Worüber staunten sie?

Das war je nach Region sehr unterschiedlich: Die einen staunten über die Entscheidungs- und Leitungsvollmacht, andere über Sonntagsgottesdienste, wieder andere über die Taufvollmacht, oder über die Kompetenz, Ehedokumente auszufüllen. 


Werden diese weitreichenden Kompetenzen auch kritisch gesehen?

Ich habe Erstaunen festgestellt, aber keine negativen Reaktionen wahrgenommen. Überraschend war für viele, dass bei uns sehr oft Kommunionfeiern stattfinden. Das hat sicherlich ein gewisses Unbehagen ausgelöst, weil gewisse Länder stärker priesterzentriert sind und die Eucharistie daher eine grössere Bedeutung hat. 

Was nehmen Sie mit von diesem Treffen? 

Ich spüre eine neue Begeisterung für die internationale Kirche, ihre Vielfalt, die gegenseitige Ermutigung. Ich freue mich, katholisch zu sein! Wir haben verschiedene Arbeitsgruppen eingerichtet. Wir möchten stärker zusammenarbeiten in der Ausbildung für den Synodalen Prozess. Als weltweite Kirche können wir einander inspirieren. 

Internationale Treffen im Vatikan enden meist mit einer Messe. Wie war das bei Ihnen?

Wir haben jeden Tag Gottesdienst gefeiert, in verschiedenen liturgischen Formen, jedoch keine Eucharistiefeier. Am Sonntag war die Papstmesse, an der einige teilgenommen haben, weil sie die Chance nutzen wollten, einmal eine Papstmesse zu erleben.

Edith Zingg (59) ist Gemeindeleiterin in der Berner Pfarrei Guthirt in Ostermundigen. 

 


 

* Vom 24. bis 28. September trafen sich 21 nicht geweihte Theolog:innen (englisch: «Professional Lay Ministers») aus fünf Kontinenten in Rom. Darunter waren drei Personen aus dem Bistum St. Gallen, Edith Zingg war Delegierte für das Bistum Basel. 24 weitere Personen wurden digital zugeschaltet. Das internationale Treffen fand dieses Jahr zum dritten Mal statt. layministers.org