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Siebzehn Tage dauert die Fahrt auf der «Foch» ins westafrikanische Land. Foto: zVg

Afrika im Herzen und Neugier im Kopf

Teil 3 der Sommerserie zu Autor:innen aus Bern: Barbara Traber


Auf ein vielfältiges Schaffen und Leben kann die Berner Autorin Barbara Traber zurückblicken.

«Bist Du wahnsinnig? Glaubst Du, ich würde Dich nach Nigeria, in ein rückständiges Land, ziehen lassen?» Doch der aufgebrachte Vater stösst auf den harten Widerstand seiner Ältesten. Sie hält ihm vor, dass er voller Vorurteile stecke, dass das afrikanische Land durchaus eine traditionsreiche Kultur besitze. Wenn er ihrem Plan entgegenstehe, werde sie die Stelle trotzdem annehmen.

Einundzwanzig Jahre alt ist Barbara (*1943), als sich diese heftige Szene in ihrem Elternhaus in Steffisburg abspielt. Sie glüht vor Freiheitsdrang, hat für ihre drei jüngeren Geschwister den Pfad spuren müssen und dabei ihr rebellisches Profil geschärft. Seit langem träumt sie von fernen Ländern. Als Kind liebte sie die Jugendbücher der Zürcherin Elsa Muschg (1899-1976), die von einer Reise zweier Kinder nach Japan handelten: «Hansi und Ume unterwegs» (1937) und «Hansi und Ume kommen wieder» (1938). «Ich habe das Glück des Lesens früh entdeckt», sagt Barbara Traber heute. In der Familie kursierten auch die Geschichten jenes Grossvaters aus dem Berner Oberland, der in die Fremde zog und als Concierge in Grandhotels den Duft der weiten Welt einatmete. Er starb an jenem Tag, als Barbara in Thun geboren wurde - just im gleichen Spital, als ob er seine Sehnsucht an die Enkelin hätte weitergeben wollen.

Schon die Fünfjährige durfte den Vater, der die erste Geige im Thuner Orchester spielte, zu den Proben begleiten. Clara Haskil und Yehudi Menuhin traten damals als Solisten auf. Wie seine Geschwister nahm das Mädchen Violinunterricht beim Vater, hatte aber stets «Angst, ihm nicht zu genügen». Doch wuchs früh «eine tiefe Liebe zur Musik» in ihm heran, und Robert Schumann ist der Lieblingskomponist geblieben. Wenn der Vater dem Mädchen den Aufbau einer Fuge erklärte, schulte er das genaue Hinhören. Ein Studium kam aber nicht in Frage; dieses war dem Sohn vorbehalten. «Dafür widme ich mich den Fremdsprachen», sagte sich Barbara, nachdem sie an der Wirtschaftsmittelschule in Bern das Handelsdiplom erworben hatte. Sie zog nach Genf, wo sie, reformiert erzogen aber an allen grossen Religionen interessiert, auch den katholischen Gottesdienst besuchte und Bücher von Charles Péguy und Georges Bernanos las. Als Zwanzigjährige reiste sie nach London, arbeitete für einen Schriftsteller als Privatsekretärin und half, seine ausufernde Korrespondenz zu bewältigen. Er schätzte es, sich mit ihr auf Deutsch zu unterhalten, nachdem kurz zuvor seine Frau Veza gestorben war. Er, der für sie fast zu einer Vaterfigur wurde und regen Anteil an ihrem Leben nahm, bestärkte sie in der Freude am Schreiben. Doch er betonte: ÜBEN, ÜBEN, ÜBEN. Keiner wusste dies besser als er selbst: Elias Canetti. «Er war der aufmerksamste Zuhörer, den ich je erlebt habe.»

Und nun verlässt die junge Frau den alten Kontinent und schifft sich am 15. Juni 1964 in Marseille nach Lagos ein. Siebzehn Tage dauert die Fahrt auf der «Foch» ins westafrikanische Land, das 1960 die Unabhängigkeit von Grossbritannien erreicht hat. Heiss und heisser wird es, je mehr sich das Schiff südwärts bewegt. Aber die Reisende ist begierig auf die Entdeckungen, die Nigeria verheisst. Eineinhalb Jahre arbeitet sie als Sekretärin auf der Schweizer Botschaft für den Diplomaten Giovanni Enrico Bucher (1913-1992). Auf eigenen Streifzügen erkundet sie die Ethnien, Kulturen und Rituale, die sie nicht mehr loslassen. Am liebsten möchte sie eine zweite Arbeitsperiode anschliessen, was jedoch nicht bewilligt wird. So aber entgeht sie dem Biafrakrieg, der das Land von 1967-1970 erschüttert. Nach Jahrzehnten veröffentlicht sie ihr Buch «Nigeria – ich komme!», einen fesselnden Erinnerungsbericht, in dem das Lachen, die Gastfreundschaft und Lebensfreude der nigerianischen Menschen wieder aufleben. Sie haben die Schweizerin tief berührt – vielleicht als Widerschein einer allumfassenden Liebe? «Afrika war ein Höhepunkt in meinem Leben», sagt sie.

Sie kehrte in die Schweiz zurück, gab aber erneut ihrem Fernweh nach und arbeitete als Flight Attendant in Paris. Später folgten Tätigkeiten als Sekretärin im Hallwag-Verlag und im Radiostudio Bern. Ein entscheidender Lebensabschnitt setzte 1977 ein, als sie den Liedermacher Markus Traber (1946-2010), jüngstes Mitglied der Berner Troubadours, heiratete. Zusammen mit Tochter Nina (*1980), der späteren Tänzerin, bildete das Trio eine unverbrüchliche Liebes- und Schicksalsgemeinschaft, in der man einander unterstützte und durchhielt in Engpässen. Solche stellten sich häufig ein, fehlten doch im Künstlerhaushalt feste Einkünfte. Barbara und Markus Traber nahmen immer wieder Gelegenheitsjobs wie etwa Museumsaufsichten oder Hauswartpflichten an, um die Existenzprobleme bewältigen zu können.

In diesen Jahrzehnten erweiterte sich das Schaffen Barbara Trabers zu einer erstaunlichen Vielfalt: Neben Übersetzungen, journalistischen Beiträgen und Lektoratsarbeiten entstand Lyrik in Hochdeutsch und Mundart; dazu kamen Biografien, Erzählungen, Romane. Mein Lieblingsbuch: «Land der glücklichen Hühner» (2022), die liebevoll gezeichneten Dorfgeschichten aus der burgundischen Bresse. Wie schaffte sie dies alles? Im Rückblick staunt sie auch selbst darüber. Stets trieben sie ihre Neugier und Begeisterungsfähigkeit an und dankbar spricht sie vom «Glück der Begegnungen» in ihrem Leben. Auch heute, mit 82 Jahren, ist das Schreiben noch immer ihr Lebenselixier. 

An Pfingsten 2010 kehrte sie von einem Spaziergang zurück und fand ihren Mann Markus regungslos in seinem Bett vor. Jede Hilfe zu spät, Herzversagen! Sein Tod riss eine schmerzhafte Lücke. Gut zehn Jahre später fasste sie sich ein Herz und begann die Lebensgeschichte Markus Trabers aufzuzeichnen. Sie wagte eine Gratwanderung, denn leicht hätte sie in der Rolle der verwitweten Gattin an Distanzlosigkeit scheitern können. Doch sie meisterte die Herausforderung und legte 2022 das reich illustrierte Buch «Ohne Rücksicht auf Verluste» vor (so hiess auch der Titel eines Chansons von Markus Traber). Es war ihr gelassener Blick auf einen vielseitig talentierten Mann, der als Musiker, Verleger, Fotograf und Kleinplastiker seine Spuren hinterlassen hatte und in ihrer Darstellung vollauf wahrgenommen wurde. Chapeau, Barbara Traber!

Barbara Traber, Nigeria – ich komme! Eine mutige junge Schweizerin in Lagos 1964/65. Neptun Verlag, Bern 2024.

 

 

Am 5. September 2025 erscheint im Neptun Verlag ihr neues Buch.

Barbara Traber, «Sie sind noch da. Sechs schon vergessene schreibende Frauen und viele mehr». Neptun Verlag, Bern 2025.