In den Lifthallen der Kinderklinik bieten farbige Zettel Einblick in die Gedankenwelt der kleinen Patient:innen. Ein kurzer Satz bleibt an mir hängen und begleitet mich:
«Nachher ist auch wieder jetzt.» Nils, 8 Jahre
Ich schaue einer grossen Veränderung entgegen. Diese zu planen, zwingt mich, gedanklich stärker in der Zukunft zu verweilen, als mir lieb ist. Mein Leben teilt sich plötzlich in zwei Teile: Ich bin noch hier – und doch schon dort. Glücklicherweise erlebe ich diesen Übergang anders als Brecht beim Radwechsel. Brecht schreibt: «Ich sitze am Strassenhang. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?» Ich aber bin gern, wo ich herkomme, und freue mich, auf das was kommt. Nur der Radwechsel, der dünkt mich anspruchsvoll. Da muss spekuliert werden über eine ungewisse Zukunft. Lebenskosten, Lebensdauer, und alle möglichen Eventualitäten müssen berechnet werden. Auf einmal stemmen sich lauter Zahlen gegen das Unverfügbare, dem ich lieber mit einem Vorschuss an Vertrauen entgegengehen möchte. Am Ende aber wartet eine verlockende Freiheit, und die wiedererlangte Hoheit über die eigene Zeit, welche mir zu Beginn des Kindergartens abhandenkam. Ich gehe in Pension! Aber wie Nils, 8 Jahre, feststellt:
«Nachher ist auch wieder jetzt.»
Liebe Leserinnen und liebe Leser, das ist mein letzter «pfarrblatt»-Text, ich wünsche euch alles Gute, mit herzlichen Grüssen
Marianne Kramer, noch bis Ende April 2026 Seelsorgerin am Inselspital