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Abenteuer

Kolumne aus der Inselspitalseelsorge

Es war nicht die erste Begegnung. Ich hatte die Frau schon mehrfach besucht. Nach einem Unfall im Ausland wurde sie mit schweren Verletzungen in die Schweiz geflogen. Ihr Ärger darüber, dass sie nicht besser auf sich aufgepasst hatte, mischte sich mit dem Ohnmachtsgefühl kompletter Abhängigkeit. Innerhalb der nächsten paar Stunden stand eine grosse Operation bevor und der Raum war voller Fragen, Angst und Anspannung.

Ich setzte mich zu ihr und schwieg. Die Minuten verstrichen. In meinem Kopf fanden sich Bilder, zusammengesetzt aus dem Inhalt früherer Gespräche. Sie hatte mir viel erzählt, hatte mir Fotos gezeigt und ihr Zimmer war geschmückt mit Zeichnungen und Genesungswünschen. Sie war nicht allein, das wusste ich, sie war umgeben von Menschen und eingebunden in einen Kontext. Mit dem Unfall wurde sie vollkommen aus dem gewohnten Leben herausgerissen. Sie musste sich völlig neu finden. Wie konnte das gelingen? Der einzige Satz, den sie an diesem Vormittag mit klarem Blick formulierte, schien einen Weg zu weisen: «Sie können jetzt gehen.» Sie nickte, und ich hatte den Eindruck, sie gab mir damit die Erlaubnis, aufzustehen, und sich selber das Einverständnis, sich auf diese für sie so ganz neue Lebenssituation einzustellen.

Vor zehn Jahren ist Bertrand Piccard zusammen mit André Borschberg die erste Weltumrundung in einem Flugzeug ohne Treibstoff gelungen. Un­zählige Rückschläge und Schwierig­keiten mussten die beiden auf dem Weg dorthin bewältigen.

Piccard betrachtet diese Erfahrung sinnbildlich für alle existenziellen Erfahrungen im Leben und sagt: «In Momenten der Krise, wenn man die Kontrolle verliert und sich an nichts mehr festhalten kann, glaubt man, dass alles zusammenbricht. Tatsächlich aber sind dies Momente ungeahnter Möglichkeiten. Man verliert jeden Halt und entweder sperrt man sich dagegen, findet es schrecklich und lehnt es ab – dann leidet man fürchterlich –, oder man nimmt das Abenteuer an, sucht in sich selbst nach neuen Werkzeugen, neuen Fähigkeiten, neuen Fertigkeiten, neuem Vertrauen – und dies stärkt einen.»1 Das ist gemäss Piccard das Magische am Abenteuer und es spielt keine Rolle, ob man im eigens für diese Expedition konstruierten Solarflugzeug sitzt oder nach ­einem Unfall im Krankenhaus liegt. Im Abenteuer ist man gezwungen, die ­Lösungen in sich selbst zu ­suchen.

Simone Bühler, Seelsorgerin im Inselspital

1 ​Bertrand Piccard – Von Höhenflügen und vom Scheitern – Sternstunde Religion – Play SRF