Die ersten Jahrhunderte nach Jesu Tod waren für die damaligen Christ:innen durch Verfolgung geprägt. Weite Teile des Römischen Reichs sahen die bestehende Ordnung durch den Aufschwung des Christentums bedroht. Wer für seinen christlichen Glauben einstand, riskierte, ebenso wie Jesus getötet zu werden. Die erste Form dessen, was wir heute als «Nachfolge Jesu» bezeichnen, war deshalb das Martyrium als durchlebte Passion Christi.
Auch die Bibel wurde in diesem Sinne interpretiert. Ausdrücke wie «Zeuge sein» oder «das Leben einsetzen für seine Freunde» (Joh 15, 12-14) wurden mit dem Martyrium in Verbindung gebracht. Theologisch diskutierte man intensiv darüber. Es galt: Wer für den Herrn stirbt, wird in das Paradies eingehen. Doch wurde zunehmend auch die Frage gestellt, was denn mit denen sei, die nicht den Märtyrertod sterben. Wie Gregor Emmenegger in seinem Buch «Die Zeit kommt, da die Menschen verrückt werden» (TVZ Verlag 2024) schreibt, entstand ab der Mitte des dritten Jahrhunderts die Erkenntnis, dass Nachfolge ein lebenslanger Prozess ist: «Es geht nicht darum, für Christus das Leben zu verlieren, sondern vielmehr darum, es für ihn zu gewinnen.»
Askese, Gebet und Arbeit
So entwickelte sich eine neue, unblutige Form der Jesus-Nachfolge. Einige Männer und (wenige) Frauen zogen sich in die Wüsten Ägyptens, Palästinas, Syriens und der heutigen Türkei zurück. Dort lebten sie ein durch Askese, Gebet und Arbeit geprägtes Einsiedlerleben. In der Distanz zur etablierten Gesellschaft meinten die so genannten Wüstenväter und Wüstenmütter dem Ideal eines Christus-gemässen Lebens am besten gerecht zu werden.
Auch ausserhalb der Wüste veränderte sich die Situation der Christ:innen. Mit der Mailänder Vereinbarung wurde das Christentum im Jahr 313 erlaubte Religion, die Christenverfolgung wurde weitestgehend beendet. Das Römische Reich geriet in eine Krise, die alle Lebensbereiche erfasste. Gerade den unteren Schichten ging es schlecht. In den Wäldern, den Bergen oder am Rand der Wüste sammelten sich Menschen, die von Bettelei, Diebstahl, Kidnapping und Prostitution lebten. Mit diesen Ausgestossenen lebten die Wüstenväter zusammen. Gemeinsam diskutierten sie über Frieden und Gerechtigkeit. Einige der randständigen Menschen brachen mit ihrer kriminellen Vergangenheit und schlossen sich den Wüstenvätern und Wüstenmüttern an.
In diesem Kontext entstand Emmenegger zufolge auch das Wort Mönch. Es geht auf das griechische «monachos» zurück und bedeutet wörtlich «Einzelgänger». Ursprünglich bezeichnete es einen randständigen Menschen ohne Familienanschluss, nun avancierte es zu einer Art Ehrentitel für eine:n entschiedene:n Christ:in. Einer der ersten und bis heute bekanntesten unter den frühen Mönchen war der später heiliggesprochene Antonius. Um ihn herum entwickelte sich eine Bewegung ohne Struktur und feste Regeln.
Grosse Faszination
Auf die Zeitgenoss:innen übten die Wüstenväter und Wüstenmütter eine grosse Faszination aus. Die Menschen pilgerten zu ihnen, um mit ihnen zu sprechen, von ihren Erfahrungen zu hören und zu sehen, wie sie lebten. Es bildeten sich regelrechte Fangruppen, die sich kleideten wie die Wüstenväter und Wüstenmütter und zumindest versuchten, ansatzweise wie sie zu leben. Zu erklären ist diese Faszination auch damit, dass die Wüstenväterbewegung die Möglichkeiten insbesondere für Frauen und Angehöriger niedriger sozialer Schichten vergrösserte. Ihr Beispiel ermöglichte das Verlassen des vorherrschenden gesellschaftlichen Rahmens.
Die Wüstenväter und Wüstenmütter selbst wählten ihre Daseinsweise nicht, um andere zu beeindrucken. Sie sahen im Verzicht, in der Beschränkung ihrer Aktivitäten und der Kontemplation einen Weg zu Gott. Gerade die Fastenzeit lädt dazu ein, an die Wüstenväter und Wüstenmütter zu erinnern. Religiös motiviert, ist das Fasten eine spirituelle Praxis, bei der es nicht ums Abnehmen oder Gesundwerden geht, sondern um die Suche nach Gott. Die Wüstenväter zeigen, dass man anderes ablegen muss um frei zu werden für Gott. Sie entwickelten keine systematische Theologie und hinterliessen keine übergeordneten Traktate. Allein durch das radikale Vorleben ihres religiösen Selbstverständnisses beeinflussten sie ihre Mitmenschen.
Das gelebte Zeugnis wirkt
Wie von Jesus selbst sind von den Wüstenvätern und Wüstenmüttern lediglich Sprüche, Dialoge und Gleichnisse überliefert. Diese wurden zunächst mündlich weitererzählt und später niedergeschrieben. Von Antonius ist die von Athanasius dem Grossen verfasste Biografie überliefert. Die Wüstenväter und Wüstenmütter sind also auch ein Beispiel dafür, dass ein gelebtes Zeugnis wirkt und inspiriert.