Was mir vom Tag der Rettung in Erinnerung bleiben wird? Ihre Gesichter. Zuerst das Erstaunen. Nachdem die Menschen auf das Deck der Ocean Viking gezogen werden, sieht man es: Sie verstehen noch nicht richtig, was gerade passiert ist. Dann die Freude. Sie strecken die Arme zum Himmel, lachen, reichen uns ihre Hände.
Aber auch ihre Angst. Wo fahren wir hin? Nach Norden? Nicht zurück nach Libyen? Immer wieder fragen sie das. Nein, sagen wir. Nicht zurück nach Libyen. Ihr seid hier sicher. 14 Menschen sind es, die wir an diesem Morgen aus einem winzigen Schlauchboot ziehen. Zehn Männer, drei Frauen und ein siebenjähriges Mädchen. Sie kommen aus Eritrea, Somalia, Nord- und Südsudan. Zwei Nächte haben sie auf dem winzigen Schlauchboot verbracht. Rundherum nichts als Meer und Wellen. Als unsere Leute sie erreichen, läuft bereits Wasser in ihr Boot.
Für mich ist all das neu. Normalerweise sitze ich für meine Arbeit bei SOS Mediterranee irgendwo in der Schweiz vor meinem Laptop. Ende Juli bin ich für zwei Wochen Teil der Crew auf dem Rettungsschiff von SOS Mediterranee. Zum ersten Mal sehe ich, wovon ich sonst nur lese und höre.
Die ersten Tage an Bord bestehen aus Instruktionen und Trainings. Sicherheit, Erste Hilfe, die Abläufe während einer Rettung. Rund 30 Menschen arbeiten auf dem Schiff. Ich bin im sogenannten Post-Rescue-Team. Unsere Aufgabe beginnt, sobald die Geretteten an Bord sind.
Tagelang bereiten wir uns auf diesen Moment vor. Dann, am 31. Juli, ist es so weit. Kurz vor acht Uhr am Morgen kommt über Funk der Satz, auf den alle gewartet haben: «All crew, all crew, ready for rescue, ready for rescue.» Ab da geht alles schnell. So schnell, dass ich kaum mitbekomme, wie unsere Seenotretter bereits mit den Rettungsbooten im Wasser sind. Dann sehe ich die ersten Menschen. Sobald sie die Leiter an der Landungszone hochgestiegen sind, werden sie vom medizinischen Team betreut. Zum Glück gibt es keine schweren Notfälle. Die Menschen sind erschöpft, dehydriert und verwirrt. Einige sind benommen von den Treibstoffdämpfen ihres defekten Motors. Wir reichen ihnen Wasser und geben ihnen etwas Zeit. Sie können sich hinsetzen, viele sind wacklig auf den Beinen.
Jede Person erhält ein Armband mit einer Nummer und ein Survival Kit: Trainingsanzug und Unterwäsche, Essen für die ersten Stunden, eine Zahnbürste. Fast alle sind völlig durchnässt. Sie haben nichts bei sich – nur ihre nassen Kleider und Flipflops an den Füssen. Viele sprechen nur wenige Worte Englisch. Aber in diesem Moment ist das egal. Wir reden mit den wenigen Wörtern, die wir haben, und mit den Händen. Wir verstehen uns.
Im Laufe des Tages erscheint eine Nachricht im Teamchat. Ein Ultraschallbild. Eine der drei geretteten Frauen ist schwanger. Sie wollte, dass die Crew das Bild sieht. Als die Info die Runde macht, sind alle wie elektrisiert. Später sehe ich das siebenjährige Mädchen. Ich nenne sie hier Amira. Sie ist mit ihrer älteren Schwester und deren Mann unterwegs. Als ich sie zum ersten Mal sehe, sitzt sie mit einer unserer Ärztinnen da und malt. Während sich alle anderen völlig erschöpft schlafen legen, ist sie hellwach. Sie rennt über das Deck, lacht und will alles entdecken.
Ich kann kaum begreifen, wie dieses Kind nach zwei Nächten auf dem Meer so lachen kann. «Hier ist sie ab sofort Kind», schreibe ich am Abend in mein Tagebuch. Auch heute sehe ich ihr Strahlen vor mir. Im Laufe des Tages bekommen wir die Meldung von einem weiteren Boot in Seenot. Die italienischen Behörden geben uns Greenlight, danach zu suchen. Vielleicht also eine zweite Rettung. Später dann die Ernüchterung: Das Boot wurde von der libyschen Küstenwache abgefangen. Die Menschen werden zurück nach Libyen gebracht. Dorthin, von wo sie geflüchtet sind. Dort, wo wieder Gewalt und Erpressung auf sie warten.
Es tut weh, wenn man so nah dran ist. Ich verkrieche mich kurz in meine Koje. Ich versuche, mich an die Menschen zu halten, die wir an diesem Morgen retten konnten. 14 Menschenleben – 14½, genauer gesagt. Am nächsten Morgen fahren wir Richtung Brindisi in Süditalien. Die Behörden haben uns die Stadt als sicheren Hafen zugewiesen. Drei Tage dauert die Fahrt. Drei Tage, in denen ich die Menschen ein wenig kennenlerne.
Am Anfang schlafen sie viel. Sie sind erschöpft. Unsere kulturellen Vermittler:innen erklären ihnen in mehreren Sprachen, wohin wir fahren und was sie nach der Ankunft erwartet. Sie können ihren Familien eine kurze Nachricht schicken: dass sie in Sicherheit sind, an Bord eines Rettungsschiffes. Langsam entsteht so etwas wie Alltag an Bord.
Ich lerne Elias kennen, einen minderjährigen Jungen aus Eritrea. Einmal steht er vor der aufgemalten Europakarte an der Wand. Ich zeige ihm, wo wir ungefähr sind und wo Brindisi liegt. Er fragt mich, ob das alles Italien sei. Dann will er wissen, ob er überall in Italien hingehen kann. Ich sage ihm, dass ich es nicht weiss. Ein anderes Mal zeigt Elias auf ein Schiff am Horizont und fragt, ob es auch ein Schiff wie unseres sei. Nein, sage ich. Sein Gesichtsausdruck verändert sich schlagartig. «Police?», fragt er. Ich sehe die Angst in seinen Augen. Nein, sage ich, und erkläre ihm, dass es wohl ein Handelsschiff sei.
Für Amira haben wir auf dem Deck eine kleine Schaukel aufgestellt. Irgendwann sehe ich Karim, einen jungen Mann aus dem Sudan, darauf sitzen. Er schaukelt und strahlt über das ganze Gesicht. Am letzten Morgen taucht am Horizont die italienische Küste auf. Alle stehen an der Reling und schauen. Elias ist aufgeregt. «Italy, Italy very good?», fragt er mich. Die Frage überrumpelt mich. Was soll ich ihm auch sagen? Ich lächle nur und nicke.
Am Hafen wartet schon ein grosses Aufgebot: Polizei, Küstenwache, Gesundheitsamt, Rotes Kreuz. Eine nach dem anderen verlassen die Geretteten das Schiff. Sie tragen die Beutel ihrer Survival Kits bei sich, dazu die Kleider daraus und ihre Decke unter dem Arm. Das ist alles.
Zuerst geht Amira mit ihrer Schwester und deren Mann die Gangway herunter. Dann folgen nach und nach die anderen. Die junge Frau, die bald Mama wird. Karim, der auf unserer kleinen Schaukel sass. James, der grosse schlaksige Junge mit der Sonnenbrille. Elias ist der Letzte. Er wartet bei uns, bis er heruntergewinkt wird. Ich sehe es ihm an, er ist nervös. Trotzdem lacht er. Unten schaut er zu uns zurück und winkt. Dann wird er weitergeführt.
*Stefan Caprez verantwortet bei SOS Mediterranee die Öffentlichkeitsarbeit. Der vorliegende Beitrag wurde dem «pfarrblatt» Bern kostenlos zur Verfügung gestellt und von der Redaktion geringfügig redaktionell bearbeitet. Die Namen der Geretteten wurden zwecks Anonymisierung verändert.
SOS Mediterranee
SOS Mediterranee ist eine europäische humanitäre Organisation zur Seenotrettung im zentralen Mittelmeer. Seit 2016 rettete sie mehr als 43000 Menschen aus Seenot. Heute ist SOS Mediterranee mit dem Rettungsschiff Ocean Viking im Einsatz. Ihre Arbeit wird hauptsächlich durch private Spenden finanziert. Unterstützt wird die Organisation zudem von Stiftungen, Institutionen und Kirchgemeinden, darunter auch die katholische Landeskirche des Kantons Bern.